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Kristina Schreiber

Content-Marketing-Strategin B2B › Senior Berater Marketing Communications & PR › Journalistin

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New Work: Wie sich die Urbanisierung der Arbeit auswirkt

13. Februar 2018 Kommentar Link zu diesem Artikel

Was wollen die Wissensarbeiter selbst? Großraumbüro in City-Lage, Home Office ganz weit draußen, Co-Working oder Kaffeebar? (Foto von Alex Kotliarskyi auf Unsplash)

Traum von der Urbanisierung der Arbeit: Was wollen die Wissensarbeiter selbst? Großraumbüro in City-Lage, Home Office ganz weit draußen oder stylischer Co-Working-Space mit Lounge-Möbeln und Kaffeebar in akzeptabler Pendeldistanz? (Foto von Alex Kotliarskyi auf Unsplash)

20 Finalisten der ursprünglich 240 Bewerber zieht der 50 Milliarden US-Dollar schwere Online-Marktplatz Amazon für sein geplantes Vize-Hauptquartier „HQ2“ in Erwägung. Im Bieterwettstreit um 50.000 qualifizierte Jobs und Adhoc-Investitionen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar dabei sind Atlanta, Los Angeles und Chicago sowie das hauptstadtnahe Montgomery County in Maryland. Und das HQ2 ist nur ein Beispiel, dafür, wie Arbeitgeber sich auch räumlich positionieren.

Aktuell ziehen in den USA Firmenzentralen wie Facebook oder Alphabet aus den Suburbs mit Niederlassungen in die Metropole, um mehr und bessere Talente anzuziehen. Und um bei ihren Wettbewerbern um die Ecke zu wildern. So hat Google gerade in New York City für erkleckliche 2,4 Milliarden US-Dollar das prominente Büro- und Geschäftshaus Chelsea Market als Pendant zum nahe gelegenen Headquarter an der 8th Avenue gekauft.

Auch europäische Arbeit urbanisiert sich

Arbeit zu urbanisieren, betrifft nicht nur US-amerikanische Metropolen und -regionen. Sie trifft auch europäischen Großstädte ins Mark – in Deutschland allen voran Berlin und München vor Hamburg und Düsseldorf. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (DIW) ist die Ausgangslage für Bürostandorte an der Spree (2017 mit einem Rekordergebnis von 928.000 Quadratmetern vermieteter Bürofläche) und der Isar dank zahlreicher junger zugezogener Talente demografisch interessanter als an Elbe oder Rhein.

Hinzukommt, dass Berlin – zumindest als Start-up-City – im weltweiten 85-Metropolenvergleich von Nestpick auf dem vierten Platz hinter Singapur, Helsinki und San Francisco landet. Begründung: Die deutsche Hauptstadt punktet hier mit ihrem Netzwerk aus Gründern, Inkubatoren, Accelerators, Business Angels und Groß-Investoren sowie Innovations-Laboratorien und schneidet obendrein bei den Gehältern und Lebenshaltungskosten für Talente noch moderat ab.

Die Kehrseite der Medaille: In etwas mehr als einer Dekade stehen in weniger attraktiven Städten und Gemeinden Gewerbeflächen leer. Bestenfalls würde die Büronachfrage stagnieren, so das DIW.

Blick ins Silicon Valley: Maßnahmen gegen das Wohn-Prekariat

Prekär wird die Kluft zwischen Stadt und Land in Sachen Mietkosten – in Großstädten auf beiden Seiten des Atlantiks. Während Wissensarbeiter in Hamburg oder Berlin sich das Leben in aufstrebenden, ehemaligen Arbeiterstadtteilen je nach Familiengröße gerade noch leisten können, haben im kalifornischen Silicon Valley selbst Gutverdiener schon erheblichen Druck, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Alternativ müssen sie weite Strecken pendeln, um an ihrem Präsenzschreibtisch zu erscheinen. Entsprechend haben kalifornischen Tech-Firmen unterschiedliche Lösungsansätze erarbeitet, um die Probleme der räumlichen Konzentration von Arbeit zumindest zu lindern.

„It can be a real challenge to turn the Bay Area into a life-long home rather than a short stop somewhere in our twenties and thirties“

So will Facebook beispielsweise „Willow Campus“, 2,5 Meilen entfernt vom kalifornischen Hauptsitz in Menlo Park, mit in überschaubarer Zahl subventioniertem Wohnraum eine Art „The-Circle“-Idyll schaffen. Das Ziel: eigene Mitarbeiter bei den Mieten finanziell zu entlasten.

Immerhin kostet eine Zweizimmerwohnung im kalifornischen Gütersloh Menlo Park im Schnitt 3.900 US-Dollar monatlich. Das ist nicht nur teurer als in New York City. In Menlo Park gibt es außer der nahegelegenen Stanford University und Facebook fast nichts Sehenswertes, zudem liegt die Metropole San Francisco mit ihrem begehrlichen Lebensstil knapp 50 Kilometer entfernt.

Gegenüber Facebook gehen die Überlegungen anderer US-Unternehmen viel weiter: Im vergangenen Jahr ermutigte in den USA WordPress-Chef Matt Mullenweg seine Mitarbeiter, deren Arbeit vom schicken San-Francisco-Büro an ihren jeweiligen Wunschort zu verlagern.

Mullenweg reorganisierte daraufhin 550 Talente Richtung Telearbeit und institutionalisierte beispielsweise Online-Chatrooms. WordPress übernimmt außerdem die Kosten, wenn sich Mitarbeiter physisch zur Team-Arbeit verabreden wollen. Derweil hat das US-Tech-Unternehmen Buffer seine Präsenzbüros aufgegeben – zugunsten seines „Remote Teams“ mit „familienfreundlichen Arbeitsbedingungen“.

„In Schweden bist du als Manager ein Loser, wenn du es nicht schaffst, dein Kind nachmittags von der Kita abzuholen. Da gibt es grundsätzlich keine Meetings am späten Nachmittag, wenn einer im Team kleine Kinder hat“

Wade Foster legte indes noch eine Schippe drauf: Der CEO des kalifornischen Technologieunternehmens Zapier bot seinen Angestellten, die sich die kostenmäßig explodierende Metropolregion von San Francisco zum Leben kaum noch leisten können, einen Umzugskostenzuschuss in Höhe von 10.000 US-Dollar an. „It can be a real challenge to turn the Bay Area into a life-long home rather than a short stop somewhere in our twenties and thirties“, begründete Foster die Existenz seiner Initiative „De-location Package“ im Firmen-Blog.

Wie hingegen der europäische Weg beim Umgang mit der Urbanisierung der Arbeit aussieht, ist noch offen. Eine Antwort werden mit Sicherheit alternative Arbeitskonzepte liefern. Um den derzeit inflationär gebrauchten „New-Work“-Begriff mit Leben zu füllen und das Nine-to-Five-Präsenzmodell aus den 50-er-Jahren abzulösen, braucht es mehr geografische und zeitliche Freiheiten.

Wie viel Präsenzbüro braucht es noch?

Raum für familienfreundliche Zeiteinteilung in Gestalt von Job-Sharing und Überschneidungszeiten bei der physischen Präsenz liefert Vorbild Schweden: „Dort bist du als Manager ein Loser, wenn du es nicht schaffst, dein Kind nachmittags von der Kita abzuholen. Da gibt es grundsätzlich keine Meetings am späten Nachmittag, wenn einer im Team kleine Kinder hat“, zitiert das Blog notyetaguru.com einen Manager. Dafür legen viele Schweden am Abend noch eine Ausgleichsschicht ein.

„Der klassische Schreibtischarbeitsplatz – mit eigenem Bildschirm, Telefon, Yuccapalme und Aktenstapel – wird bald der Vergangenheit angehören“

New Work steht und fällt aber auch mit der Verfügbarkeit von Coworking-Flächen, Breitbandanschlüssen, Remote-Konzepten wie Apps für Videokonferenzen, Kollaborationswerkzeuge und Virtual- und Augmented-Reality-Anwendungen. Sie liefern Lösungen, um das klassische Präsenzbüro nicht länger als Nabel der Wertschöpfung betrachten zu müssen.

Dies passt zur steigenden hiesigen Begeisterung von Unternehmen und Mitarbeitern. Immerhin erwarten laut einer 2017 erhobenen Bitkom-Studie 43 Prozent der in Deutschland befragten Unternehmen, dass der Anteil der Home-Office-Nutzer in den nächsten fünf bis zehn Jahren anziehen wird.

Sozialräume werden wichtiger

Real-Estate-Missionar Martin Rodek, Deutschland-Geschäftsführer des Immobilienentwicklers OVG in Berlin ist davon überzeugt, „dass der klassische Schreibtischarbeitsplatz – mit eigenem Bildschirm, Telefon, Yuccapalme und Aktenstapel – bald der Vergangenheit angehören wird“, berichtet die Die Welt.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Instituts der deutschen Wirtschaft: Demnach nimmt der Bedarf an festen Arbeitsplätzen ab, während die Zahl der Schreibtische vor Ort unter die Zahl der Beschäftigten fällt. Dies deutet nicht nur auf ein Desk-Sharing u.a. als Gewerbemietkostensenker hin. Diese Entwicklung ist auch ein Indiz dafür, dass in Deutschland in Zukunft viele First-Level-Büro-Tätigkeiten nach Fernost outgesourct werden könnten – egal ob im Risiko-, Forderungsmanagement oder in der Personalverwaltung.

Zwischen permanenter Erreichbarkeit und Remote-Freiheiten

Für qualifiziertere Jobs, werden laut DIW indes Besprechungs- und Sozialräume wichtiger. Dies sichere den Wissensaustausch und damit die Mitarbeiterproduktivität.

Doch was wollen die Mitarbeiter selbst? Sie dürften sich im Zwiespalt befinden: einerseits dank permanenter Erreichbarkeit und Entgrenzung der Arbeit dank Home Office (siehe: Laptop in der Küche neben den Babygläschen) sowie wegen fehlender Identität und Bindung an Unternehmen und Kollegen bei mangelnder Motivation und fehlendem Team-Spirit.

Andererseits winken die Annehmlichkeiten, Zeit freier einzuteilen und zwischen den selbstverordneten Arbeitsphasen mit dem Hund Gassi zu gehen. Weil jede Minute zählt, arbeiten junge Eltern gern zu Hause, um nicht pendeln zu müssen und so möglichst viel Zeit mit der Familie zu bringen. Letztendlich dürften diese beiden Seiten der Arbeit auch unterschiedlich ins Gewicht fallen – je nachdem, in welcher Lebensphase der Wissensarbeiter steckt.

Die Stadt-Land-Kluft überbrücken

Obwohl Virtualisierungs-Methoden des Schreibtisches die Flucht aufs Land ermöglichen, liefern sie – wie ein Medikament mit Nebenwirkungen – keine Antwort auf die infrastrukturelle Verödung der ländlichen Gebiete, wo Mieten noch bezahlbar sind. Während Städter die Qual der Wahl bei Schulen mit unterschiedlichsten Profilen – von der bilingualen Klasse bis hin zum naturwissenschaftlichen, gebundenen Ganztagsgymnasium haben –, sieht die Realität auf dem Dorf anders aus.

Man denke an fehlende Ganztagskrippenplätze. Gegebenenfalls bestehen auch Mängel beim öffentlichen Nachverkehr sowie bei der Nahversorgung: Seit sich Discounter sich auf Mega-Stores an Autobahnausfahrten konzentrieren und Dörfer aus Rentabilitätserwägungen links liegen lassen, ist das Eis bei der Versorgung für wenig Mobile dünn. Insofern verspricht die Urbanisierung der Arbeit und ihr Gegentrend „Virtualisieren und Delokalisieren“ nicht Lösung einer gesamtgesellschaftlichen Umwälzung.

Legal Tech: Ist die „Anwaltskanzlei der Zukunft“ nur ein Fall für Nerds?

3. August 2017 Kommentar Link zu diesem Artikel

Alles andere als spielerisch: Die Herausforderung an die „Law Firm oft the Future“ besteht darin, die Mensch-Maschine-Arbeit zu optimieren (Bildquelle: Gratisography)

Alles andere als spielerisch: Die Herausforderung an die „Law Firm oft the Future“ besteht darin, die Mensch-Maschine-Arbeit zu optimieren (Bildquelle: Gratisography)

Das Gros hiesiger Anwaltssozietäten scheint die „Lawfirm of the Future“ noch nicht so hoch aufzuhängen, wie das erforderlich werden könnte. Derweil rollt die Welle „Legal Tech“ – der Einsatz von Software, die Juristen bei Routineaufgaben entlasten kann – massiv heran. Sie droht nicht nur Systeme, sondern auch Menschen und Prozesse mit sich zu reißen.

Die Resonanz im Mainstream ist indes noch verhalten. Aktuell rechnet gerade einmal ein knappes Drittel der hiesigen Anwälte damit, dass der Einsatz von Leal Tech den Juristen Arbeit abnehmen wird, schätzt das Berufsrechtsbarometer 2017 des Soldan Instituts.  Demnach sind nur 13 Prozent der dafür Befragten der Meinung, dass Legal Tech ihnen die Akquise oder die Vermittlung neuer Mandate erleichtern könnte.

Wie funktioniert die „Kanzlei der Zukunft“?

Unterdessen macht die digitale Transformation auch vor Anwälten und deren Kunden nicht Halt. Exponentielle Technologien halten Einzug in Gestalt von künstlich-intelligenten Vertragsprüfungen und „Smart Contracting“ (siehe „Grundbuch im Web“, wie in Schweden).

Technologisch kommt neben Künstlicher Intelligenz (KI) die Blockchain, eine Art gesicherte Transaktion, zum Einsatz. Seit 2016 gehört die dafür erforderliche und im angloamerikanischen Rechtsraum angesagte „Legal Tech“ – zumindest bei den Online-affinen Profis hiesiger Groß- und Mittelstandskanzleien – zum begehrten Gut.

Selbst wenn die Umsätze und Gewinne der Sozietäten laut Juristen-Portal Juve in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach oben weisen, bestehen große Herausforderung für alle Kanzleien. „Die erfolgreiche ,Law Firm of the Future‘ wird sich mit passenden Produkten und Dienstleistungen noch stärker an den echten Mandantenbedürfnissen ausrichten“, erklärte Dr. Sascha Theißen, Expert Director der Stuttgarter Strategieberatung diconium, auf dem dritten Hamburger Legal Tech Meetup, das die Großkanzlei Hogan Lovells Ende Juli 2017 ausrichtete.

„Die Herausforderung an die ,Law Firm oft the Future‘ besteht darin, die Mensch-Maschinen-Arbeit zu optimieren“

Die Kanzlei der Zukunft werde die Auswahl der Mitarbeiter und Prozesse daran orientieren sowie passende IT-Systeme schaffen und nutzen. „Dabei gilt es, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine zu optimieren“, betonte Theißen.

Theißens Botschaft: Wer noch am digitalen Wandel der Juristerei zweifele, habe möglicherweise übermorgen gegen Disruption durch und Skaleneffekte bei den Wettbewerbern verloren. Unklar ist, ob dieser Fakt allen Kanzleien klar ist bzw. ob Power- und Star-Anwälte Legal Tech schon als Bedrohung im Wettbewerb und zugleich als Chancenbringer identifiziert haben.

Und ob mittelständische und Großkanzlei-Juristen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass zum Beispiel ein Natural Language Processing (NLP) aus der Künstlichen-Intelligenz-Forschung unstrukturierte Daten für das Vertragsrecht selbstlernend verarbeiten und fundierte Erkenntnisse liefern kann. Es handelt sich schlicht um einen Wettbewerbsfaktor mit riesigem Potenzial, auch wenn das Plädoyer vielleicht doch noch dem menschlichen Pendant des „Cobots“ vorbehalten bleiben wird. (Auch das wissen wir nicht sicher. )

Bereits 33 Prozent der anwaltlichen Tätigkeiten automatisierbar

Laut dem „Futuromat“ der ARD können schon heute 33 Prozent der anwaltlichen Tätigkeiten automatisiert werden, zumindest, wenn Sie „Jurist/in“ eingeben. Bei Patentanwälten rangiert die Quote bei geringeren 25 Prozent, bei Fachanwälten im Allgemeinen sogar bei 20 Prozent. Tatsächlich ersetzen Kanzleien gerade einmal fünf Prozent der Mitarbeiter durch Technologie, wie die Unternehmensberatung Accenture schätzt.

Automatisierung macht Anwälte jedenfalls produktiver und effizienter. Vertragsprüfung ex machina funktioniert zum Beispiel so: Hat ein Konzern dem Gericht aus kartellrechtlichen Gründen alle für die Verhandlungen relevanten Dokumente vorzulegen, dann übernimmt ein Predictive Coding im Mensch-Maschine-Dialog die Prüfung – welche Unterlagen für das Gericht relevant sind und welche nicht.

„Jetzt können wir aufhören, die restlichen Akten manuell zu sichten“

Dieses beurteilt Akten, die aus allen Konzernbereichen Container-weise herangekarrt und eingelesen werden müssen. Zuerst einmal wird der Computer mit einer Stichprobe von einem Prozent gefüttert. Juristen bewerten die Relevanz für die kartellrechtliche Prüfung und trainieren die KI-Systeme darauf an. Dieses Aufschlauen wiederholt sich anhand neuer Ein-Prozent-Stichproben immer wieder, bis das System für sämtliche gesammelten Unterlagen Entwarnung gibt.

Dr. Sascha Theißen: „Irgendwann bildet die KI in Kanzleien die Voraussetzung dafür, überhaupt noch mitspielen und Lösungen komplexer Probleme generieren zu dürfen“

Dr. Sascha Theißen: „Irgendwann bildet die KI die Voraussetzung, überhaupt noch mitspielen und Lösungen generieren zu dürfen“ (Bild: diconium)

In einem von Theißens Beispielen hatte das Anwalt-KI-Tandem 17 Prozent der Unterlagen durchgesehen und bewertet. Die KI konnte auf dieser Basis für alle Unterlagen (also auch für die von Menschen unbesehenen 83 Prozent) einen Haken setzen und hat sinngemäß bestätigt: „Jetzt können wir aufhören, die restlichen Akten manuell zu sichten.“ Das Gericht hat diesen maschinellen Check akzeptiert.

Die KI trainieren

Aber auch Nachträge für Verträge im Zuge einer Rechtsänderung stellen nur noch ein geringes Problem dar: „Zehntausende Verträge händisch nachzusehen, ist zu aufwändig“, erklärt Theißen. „Wenn Sie die Software auf rund 300 bis 500 Verträgen antrainieren, sparen Sie sich viel manuellen Aufwand bei der Bewertung der restlichen.“

„Irgendwann universell wie eine Bibliothek“

Die Anwendungsszenarien, die Juristen heute per KI aussteuern, beziehen sich bisher auf ganz enge Anwendungsfälle. So ist es zum Beispiel möglich, eine Prüf-Software aufzusetzen, die Mietverträge auf deren Wirksamkeit hin checkt. Anwender müssen das Vertrags-PDF lediglich per Drag-and-Drop-Mechanismus in einen Daten-Container hineinziehen und erhalten binnen Sekundenbruchteilen eine Auswertung. „Für jede konkrete Vertragsart und auf jedem Rechtsgebiet müssen wir die KI derzeit neu trainieren, bis diese irgendwann universell wie eine Bibliothek sein wird“, erklärt Theißen.

Die einschlägigen Software-Anbieter heißen Seal, eine Vertragsanalyse-Technologie, oder Leverton, die mit dem Kanzleienprimus Freshfields seit 2016 einen Kooperationsvertrag unterhalten und vor knapp einem Jahr die European Legal Tech Association ELTA mitgegründet haben. Aber auch Ravn, Evana, Kira und Premonition erfreuen sich zunehmender Beliebtheit unter Tech-affinen Juristen.

„Wenn sich KI-Systeme durchgesetzt haben und Mandanten auf deren Einsatz bestehen, stellt diese Technologie für Kanzleien keinen Wettbewerbsvorteil mehr dar“, stellt Theißen klar. Dann werde die KI zur reinen „Commodity“ und bilde die Voraussetzung dafür, „überhaupt noch mitspielen und an anderen Stellen qualitativ hochwertige, kreative Lösungen komplexer Probleme generieren zu dürfen“. Dafür würden die Mandanten dann auch gern bezahlen. Denn eine KI will antrainiert werden. Und vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt.

„Ohne die erforderliche Sorgfalt aufs Spiel zu setzen“

Doch was genau lässt sich mit diesen Datendingern anstellen? Schon heute verwaltet das Start-up Everledger Diamanten mit Hilfe von Blockchain, Smart Contracts und Machine Vision. So schließt das Londoner Technologieunternehmen Blutdiamanten aus oder hilft, dass gestohlene Kohlenstoffkristalle wiedergefunden werden können.

„Wir brauchen eine Schwarmintelligenz, die schnell reagiert“

Die Blockchain, Basis für sichere Anwendungen, stellt eine griffige Möglichkeit dafür dar, dass Künstler auf Basis von Streaming-Daten ihre Tantiemen bekommen. Gleichzeitig sind die Systeme in der Lage, jede Menge Marketing-Wissen auszuspucken: etwa wo auf der Welt Bands – je nach Fan-Struktur – Konzerte geben sollten.

Egal ob Vertragsprüfung oder -Design: „Wir müssen Prototypen bauen, um über einen iterativen Modus Chancen am Markt zu nutzen, ohne die erforderliche Sorgfalt aufs Spiel zu setzen“, fordert Theißen, der sich in seinem Berateralltag mit Design Thinking, Kanban und Scrum beschäftigt. Er rät Kanzleien auf dem Zukunftstrip, sich an Projekten auszuprobieren. „Wir brauchen eine Schwarmintelligenz, die schnell auf Veränderungen reagieren kann“, fordert er.

„Die Preise für Rechtsdienstleistungen wie Know-how und Document Drafting werden unter Druck geraten, je mehr die Maschinen gewisse Aufgaben ausüben können“

Wer ein wenig Phantasie hat, weiß, dass aus dem Fakt, dass Menschen und Systeme miteinander sprechen, ganz neue Geschäftsmodelle entstehen können. Im besten Fall entfalten sich Hebelwirkungen bei bewährtem und bekanntem Premium-Pricing.

Annegret König

Annegret König: „Die auf Rechtsgebiete Spezialisierten, die sich Legal-Tech nicht leisten können, werden es schwer haben“ (Bild: Annegret König)

Aber die Experten sehen Änderungen in der Preispolitik voraus: „Die Preise für die anderen Rechtsdienstleistungen wie Know-how und Document Drafting werden unter Druck geraten, je mehr die Maschinen gewisse Aufgaben ausüben können“, sagte Christian Laux, spezialisiert auf IT-Recht, dem Schweizer Portal inside-it.ch.

„Die großen Sozietäten, die Legal Tech einsetzen, werden mit Hilfe der Skaleneffekten versuchen, auf Masse zu gehen“

„Unterm Strich werden es die auf Rechtsgebiete spezialisierten Anwalts-Boutiquen, die sich Legal-Tech-Software nicht leisten können, schwer haben“, ergänzt die Hamburger Legal-Communications-Expertin Annegret König. Die großen und mittelständischen Sozietäten, die Legal Tech einsetzen, würden mit Hilfe der Skaleneffekten versuchen, mehr Mandate zu gewinnen, auf Masse zu gehen. Dies führe zu einem Preisverfall, der eine Marktkonsolidierung nach sich zöge.

Indes könnte die Einführung von Technologie das Nachwuchsproblem in den Sozietäten lösen. Anstatt sich für Due-Diligence-Prüfungen herdenweise über mehrere 80-Stunden-Wochen in Datenräumen zu verschanzen und tagelang bei wenig Nachtschlaf Unterlagen zu prüfen, kann eine KI helfen, die Arbeitsberge pro Anwalt auf ein erträgliches abzusenken.

Das würde den Job wieder attraktiver zu machen. Dann könnten die Kanzleien apropos Work-Life-Balance – hyperangesagt bei der Generationen X und Y – wieder die „Guten“ und nicht nur die „Geldgeilen“ als Human-Kapital an Land ziehen.

Die Zeit ist reif für Transparenz

Wie zügig wird das gehen? Laut Experten ist sich das Top-Management der Großkanzleien der Tragweite, wie Legal Tech ihr Business umkrempeln wird, noch nicht bewusst. Und das, obwohl die Law Firms längst in Systeme investieren und obwohl kluge junge ITler Jura und umgekehrt Juristen Computerwissenschaften studieren.

Ein gutes Zeichen ist es, wenn Legal Tech zwischen Technologie-Unternehmen und Anwälten auch außerhalb der kostspieligen Hackaton- und Summit-Olympe diskutiert würde – also sichtbarer und demokratischer in der Szene: wenn sich mehr Kanzleien und Tech-Unternehmen für das Innovationsfeld stark machen würden. Und wenn die oberste Führung in Kanzleien Zeichen dafür setzte, wie hoch aufgehängt und wichtig das Thema im Hause und am Markt werden wird.

In eigener Sache: Neue Aufträge, Kooperationen und gemeinsame Geschäftsideen

3. Juli 2017 Kommentar Link zu diesem Artikel

Juli 2017: Kristina Schreiber ist unter eigener Flagge am Markt zurück.

Ahoi liebe Kunden, liebe Partner, liebe Branchenkollegen,

ab sofort bin ich unter eigener Fahne am Markt zurück. Ich freue mich auf neue Aufträge, Kooperationen und gemeinsame, spannende Geschäftsideen rund um Digitalwirtschaft, Technologie, Online- und Dialogmarketing sowie Data/Customer Intelligence in den Bereichen:

  • Unternehmenskommunikation/PR
  • Content Marketing
  • Fachjournalismus

In diesem Sinne: Melden Sie sich/melde dich sehr gern. Hoffentlich bis bald mit viel frischem Wind!

Herzlichst

Kristina Schreiber

 

 

R-E-S-P-E-C-T: Damit B2B-PR Journalisten, Blogger und Influencer überhaupt noch erreicht

17. Mai 2017 Kommentar Link zu diesem Artikel

Damit eben keine Massen-Mails die Kommunikationskanäle verstopfen

Respekt und Empathie sind maßlos unterschätzte Faktoren in der PR, also: Erst denken, dann senden (Quelle: Unsplash/Nina Strehl)

Respekt und Empathie sind maßlos unterschätzte Faktoren in der PR, also: Erst denken, dann senden (Quelle: Unsplash/Nina Strehl)

Ein Klick, und ab geht die E-Mail-Post an Tausende Adressen. Für Medienhäuser und Blogger sind Massen-Mails von PR-Leuten der blanke Horror. Obwohl sich die B2B-PR „Relevanz“ und „Zielgruppenmarketing“ auf die Fahne schreibt, reißt die Spam-Flut nicht ab. Acht wichtige „Dos“ zur Kurskorrektur.

Erst denken, dann senden

Eigentlich logisch. Unspezifische Pressemitteilungen gelangen entweder gar nicht zu ihren Adressaten und landen im Spam. Oder schlimmer: Die Verdrossenheit von Journalisten, Bloggern und sonstigen Influencern, deren E-Mail Adressen – auf welchem Weg auch immer – in großen Verteilern gelandet sind, nimmt rapide zu.

Die Reaktion?

Ablage Papierkorb.

Absender blockiert.

„Wie denke ich mit meinem Content um die Ecke?“

„Wenn ich keine Zeit habe, meine Mails zu lesen schmeiße ich gnadenlos alles weg, was nach PR aussieht“, sagte kürzlich ein befreundeter Chef vom Dienst in einem süddeutschen Medienhaus. Er spricht vielen Publizisten aus der Seele: Wenn der Empfänger zu einem permanenten Selektionsprozess gezwungen wird, hilft unter Zeitdruck – ganz pragmatisch – nur noch radikales Löschen.

Auf Seiten der Versender ist das Ergebnis allerdings nicht viel besser. Die Flut von ungefragten, unpassenden Themen oder Pressemeldungen erschwert es, ein auf die Bedürfnisse eines spezifischen Journalisten maßgeschneidertes Themenangebot mit aktuellem Aufhänger zu platzieren.

„Wenn ich keine Zeit habe, meine Mails zu lesen schmeiße ich gnadenlos alles weg, was nach PR aussieht“

Wer als PR-Verantwortlicher in diesem Biotop mit viel Herzblut Journalisten und Co. Sinnhaftes anzubieten sucht („Wie denke ich mit meinem Content um die Ecke?“ oder „Wie liefere ich ,mehrwertige‘ Antworten auf brennende Branchenfragen?“ oder „Mit welchen Ansätzen lassen sich Probleme eines Wirtschaftszweigs lösen?“) befindet sich schnell in Geiselhaft mit den PR-Spammern. Und gerade in den kleinen, feinen Nischen der B2B-PR ist das kontraproduktiv.

Wie bringe ich eine Pressemitteilung zum Journalisten? Wie verschaffe ich meinem Thema eine Plattform? Und wie begeistere ich Multiplikatoren dafür?

Die acht wichtigsten Dos

#1 Kleine, feine Journalisten-Cluster aufsetzen

Weniger ist mehr: Erstellen Sie kleine, handverlesene Verteiler.

#2 Rechtskonforme Datensätze recherchieren

Wer als Datenquelle keine Mediendatenbank wie Cision, Meltwater oder news aktuell (Zimpel) nutzen will, sollte pro Projekt spezifische Listen aus öffentlich zugänglichen Quellen möglicher Influencer erstellen UND die Redakteure und Co. einzeln evaluieren und ansprechen.

„Wie liefere ich ,mehrwertige‘ Antworten auf brennende Branchenfragen?“

Das kostet Zeit, Energie und damit Geld. Aber es stellt den einzigen Weg dar, Opt-ins, also Einwilligungen, für die eigene Pressearbeit zu erhalten und zu dokumentieren.

#3 Praktikabilität: Auch Versand-Tools legen Wert auf saubere Verteiler-Recherche

Wer seine News mit einem Bulk-E-Mail-Tool gemäß den Richtlinien der Certified-Senders-Alliance (CSA) verschickt, muss dort seine Erhebungsmethode offenlegen – und nicht alles ist dort erlaubt.

Daher gilt: Sauber recherchieren, um Tools wie CleverReach oder Newsletter2Go überhaupt nutzen zu dürfen. Zudem ist bei den Serien-Mails eine Abmeldemöglichkeit erforderlich. Nach dem Motto: „Nehmen Sie mich bitte von Ihrem E-Mail-Verteiler – klicken Sie hier.“

#4 Networking öffnet Türen

Bauen Sie Kontakte im echten Leben (von der Redaktion bis hin zur Verbandspressestelle) sowie über Social Media (vom aktiven Nutzer über den Gatekeeper z.B. in Verbänden bis hin zum Micro-Influencer) auf und aus.

#5 Maßgeschneiderte Ansprache und Inhalte

Ein schierer Versand von Pressemeldungen wäre kontraproduktiv. Setzen Sie stattdessen auf eine passgenaue, individualisierte Themenauswahl und -ansprache. Spielen Sie Ihr Themenangebot aus Anwenderperspektive und erklären Sie das, was das Thema für Ihren Adressaten interessant macht.

„Mit welchen Ansätzen lassen sich Probleme eines Wirtschaftszweigs lösen?“

Denken Sie hier lieber um die Ecke als lediglich aus Produktsicht zu argumentieren. Reine Produkt-PR funktioniert nur in wenigen Branchen.

#6 Schlankes Material-Handling

Nutzen Sie möglichst keine Attachments. Ausnahme: Porträtfotos in Personalmeldungen. Generell können Sie Bildmaterial aber auch über einen Download auf der Website anbieten („Press Kit“).

#7 Paid Content kann die Reichweite erhöhen

Die Reichweite Ihrer Meldung zu erhöhen, kann bares Geld kosten: etwa via Nachrichten-Portalen wie ots. Aber Achtung: Dienste wie ots sind nur bei Themen relevant, die auch für die Tages- und Wirtschaftspresse interessant sein können). Für Spezialthemen recherchieren Sie lieber SEO-freundliche Nachrichtenportale, die ihrer Branche nahestehen.

#8 Intensivieren Sie den Dialog mit Pressevertretern

Nutzen Sie Dialoge für qualitative Feedbacks und drehen Sie Ihr Thema auf dieser Basis weiter, um immer wieder neue Mehrwerte zu bieten.

Was Influencer gegen Massen-Mails tun können

Massen-Mails ohne Sinn und Verstand muten mittlerweile archaisch an. Störfaktoren eben. Da wir beide Seiten des Schreibtisches kennen – als Journalisten, Autoren sowie PR-Berater –, können wir ein Lied davon singen, wenn uns einschlägige Angebote begegnen.

Richard Gutjahr hat in seinem Beitrag „Die illegalen Methoden der PR-Adressbroker“ schon vor Monaten zum „Angriff“ gegen – speziell – die Adresshändler aufgerufen, die maßgeblich zum Spam-Problem in der PR beitrügen. Dies hat sich rasch viral verbreitet, wie über Thomas Knüwer, Journalist und Blogger u.a. von Indiskretion Ehrensache“ und KpunktNull. Um das lukrative Geschäftsmodell der Adresshändler zu verändern bedarf es voraussichtlich jedoch deutlich mehr Druck und Rückendeckung von Verbandsseite und aus der Politik.

Rückbesinnung auf die Tugenden der PR-Kommunikation

Der gesamten Branche, damit meinen wir sowohl die schreibende Zunft als auch die PR, ist mit bösen Mails, dem Blacklisting von Servern und einem juristischen Vorgehen wenig gedient. Vielmehr geht es um eine Rückbesinnung auf Tugenden wie „Klasse statt Masse“, altmodische Kontaktpflege.

Und: Erst denken, dann senden. Dies, in Kombination mit den zeitgemäßen Recherche- und Verbreitungs-Tools angewendet, ist für uns die Zukunft.

 

Ein Gemeinschaftsbeitrag von Annegret König und Kristina Schreiber, beide Journalistinnen und B2B-PR-Expertinnen in Hamburg.

 

Partnerschaft mit der Künstlichen Intelligenz: Making humans super?

4. Oktober 2016 Kommentar Link zu diesem Artikel

Wie sich Arbeit und Talent mit Hilfe von Superintelligenzen verändern dürfte.

Bots, Künstliche Intelligenzen, neuronale Konstrukte und Co.: Werden Sie zu unseren Wertschöpfungs-Partnern? Substituten? Und wie müssen wir sie ethisch behandeln? (Bild: Pixabay)

Bots, Künstliche Intelligenzen, neuronale Konstrukte und Co.: Werden Sie zu unseren Wertschöpfungs-Partnern? Substituten? Und wie müssen wir sie ethisch behandeln? (Bild: Pixabay)

Eine der fundamentalsten Änderungen in der Arbeitswelt wird von der künftigen Zusammenarbeit von Künstlichen Intelligenzen und den Menschen herrühren.

„The real power of artificial intelligence is to augment what humans are great at and make them better at what they do – making humans super“,

sagte kürzlich der Accenture-Cheftechnologe Paul Daugherty. Jahrzehntelang hätten Menschen beim Aufstieg der Roboter noch gut abgeschnitten, resümiert indes das White Paper „Digital Transformation of Industries“ anlässlich des diesjährigen World Economic Forum. Im Zeitalter von exponentiell wachsenden Rechenkapazitäten würden die Karten zwischen Mensch und Maschine aber neu gemischt.

Immerhin spielen die KI (Künstliche Intelligenz) bzw. AI (Synonym: Artificial Intelligence) längst nicht mehr nur Schach – durchdenken also nicht mehr nur mit einer überschaubaren, bisher machbaren Rechenleistung, alle möglichen Züge. Auf weitere Felder angewandt heißt das: „Eine Dumme Suche von überschaubaren Varianten kommt nicht gegen einen intelligenten Menschen an“, weiß Dr. Paul von Bünau, Managing Director und Superalgorithmen-Experte bei idalab, Berlin. Die künftigen AI schaffen es spielend, die unendlich vielen Varianten eines Go-Spiels zu durchdenken, so von Bünau. Letztlich handele es sich hier indes nach wie vor um eine Suche.

Der Zusammenhang von (Big) Data und Superalgorithmen

Übertragen auf Bots könnten künstliche kognitiver Technologien neben einfachen auch zunehmend komplexe Arbeiten auf ein höheres Effizienzniveau heben. Das Funktionsprinzip veranschaulicht Google Translate: Der Übersetzungsalgorithmus besitzt kein eigenes Wörterbuch, sondern vergleicht Sätze in verschiedenen Sprachen aus riesigen Datenbanken und errechnet daraus die wahrscheinlichste Übersetzung. Mit steigenden Datenmengen verbessert sich der Dienst kontinuierlich.

Unterdessen versteht Amelia emotionsgeladene E-Mails und Anrufe. Da die Künstliche Intellligenz bzw. der Bot für Kundenanfragen aus der Schmiede von IP Soft mit denselben Anweisungen und Gesprächsleitfäden wie ihre Kollegen aus Fleisch und Blut umgeht, kann Amelia realistische Szenarien für die Kundenkommunikation entwickeln. Wenn sie keine Antwort findet, eskaliert Amelia die Anfrage an einen menschlichen Kollegen und lernt von dessen Reaktionen auf die Kundenanfrage – für künftige Interaktionen.

AI: Die neuen Mentoren

Artificial Intelligence verhilft der Arbeitswelt dazu, bessere Entscheidungen zu treffen, betonte Nell Watson auf ihrem Vortrag „Machines as Mentors and Matchmakers“ auf der just gelaufenen #next16 Conference in Hamburg. Laut Watson, Associate Faculty AI and Robotics an der kalifornischen Singularity University, unterstützten intelligente Maschinen Menschen dabei, effizientere Routinen und Arbeitsgewohnheiten zu entwickeln. Zwar verbreitete Watson viel Optimismus („Bots sehen uns zu, wir wir Menschen uns wandeln und wachsen.“). Die Wissenschaftlerin zeigte aber auch die ethischen Grenzen beim Einsatz Künstlicher Intelligenzen auf.

Sind wir zu maschinenähnlich?

Diese Grenzen haben nicht nur mit der Rolle des Menschen zu tun. Es geht auch darum, dass sich Leben und Arbeiten enorm gewandelt haben und weiter verändern werden. Während Arbeit fragmentierter und chaotischer wird und beispielsweise kollaborative Plattformen wie Slack und Co. ihren Siegeszug antreten, stellte sich Claire Burge, CEO von This is Productivity, die Frage, wie eine sinnvolle Mensch-Maschine-Partnerschaft funktioniere. Der menschliche Part wird wohl auf eine Tech-komplementäre Komponente hinauslaufen, skizzierte Burge auf ihrem Vortrag „The Future of Work is Chaos“ auf der #next16:

„Unsere Arbeitswelt ist mittlerweile komplett in Technologien eigebettet. Wir Menschen haben viele Qualitäten und ursprüngliche Tugenden vergessen, weil wir zu ,Machine-like‘ geworden sind.“

Tugenden im Tech-Zeitalter

Entsprechend müssten wir Arbeit sowie unseren Begriff von Chaos neu denken – dies sei einer zunehmenden Komplexität der Arbeit geschuldet. Zukunftsqualitäten sind nach Burges Worten Interaktionsfähigkeit und Kreativität, gepaart mit kritischem Denken. Aber auch aktives Zuhören, Empathie, die Fähigkeit, Fragen zu stellen, Risiken zu unternehmen und ethisch zu handeln, gehörten zu wichtigen menschlichen Tugenden des Tech-Zeitalters. „Menschliches muss wieder prominenter werden“, forderte Burge.

Reskill yourself

Das gelänge jedoch nur, wenn die Arbeitswelt deren immanentes Chaos antizipierte, neue Arten erfände, Reportings durchzuführen, neue Ausbildungs- und Trainingsumgebungen erschaffe und sich ein neues Mindset zurechtlegte: „You need to reskill yourself“, forderte Burge. Die Verfasser des Digital-Transformation-Paper zum Weltwirtschaftsforum kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie rechnen in der Digitalwirtschaft bis 2022 erst einmal mit einem Jobwachstum um 22 Prozent. „As automation plays an increasing role, ‘softer‘ interpersonal skills will grow in importance“, skizzieren die Autoren.

Veränderungen am Arbeitsmarkt

Deckt sich das mit der derzeit kursierenden Literatur? Ja und nein, betont Martin Ford („Aufstieg der Roboter“). Da selbstständig agierende Maschinen günstige Arbeitskräfte darstellten und die fortschreitende Automatisierung zu monopolistischen Marktstrukturen tendiere, seien perspektivisch nicht nur Jobs u.a. in Qualitätsmanagement oder Buchhaltung durch Bots und Co. bedroht. Diese können durchaus hochqualifizierte Tätigkeiten übernehmen. Mittelfristig zählten auch Kreativjobs sowie längerfristig die Arbeit von Medizinern und Dozenten im Bereich der höheren Bildung dazu. Die Bedrohung rühre von der Macht des Maschinenlernens her, das sich mit steigenden anlysieren Datenmengen ständig verbessere.

Maschinen-Ethik: HAL in lieb?

Auch der schwedische Philosoph Nick Bostrom („Superintelligenz“) spricht von einer künftigen Intelligenz, die Menschen überlegen sein werde. Eine KI (die Gedanken abstrakt in Einsen und Nullen zerlegt) oder ein neuronales Konstrukt (ein Nachbau der Hardware unseres Gehirns nebst dessen elektrochemischen Prozessen) besitze künftig sogar einen gesunden Menschenverstand und schaffe es, zu lernen und zu handeln – ganz ohne unser Zutun. Wir sollten den Superintelligenzen daher menschliche Werte und Grundsätze einprgrammieren, fordert Autor Bostrom. Etwa: Vermeide menschliches Leid. Oder: Verschwende nichts. Die Gefahr – man erinnere sich an den revoluzzenden HAL 9000 – bestünde darin, dass die Superintelligenz unsere bisherigen Regeln crashen oder sogar gegen uns revoltieren könnte.

Daher brauche es Maschinen-Ethik, die unter die Lupe nimmt: Ist es in Ordnung, dass wir die Superintelligenz für uns arbeiten lassen? Auf welchen Gebieten nicht? Geben wir ihr Zugang zu unseren Gedanken? Laden wir unsere Gedankeninhalte in die Superinelligenz? Wie behandeln wir sie moralisch? Und wie verhindern wir Sicherheitsrisiken? Entwickeln wir Robotics kollaborativ oder im Geheimen?

Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine

Die Antworten auf diese Fragen stehen noch in den Sternen. Aber: „Ohne Transparenz und ohne selbst festgesteckte Privatsphäre ist ein freiheitliches Leben und Arbeiten – eine Art Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine – nicht möglich“, resümierte Watson auf der #next16.

 

Was Branchen-Insider – Kunden und Interviewpartner – über mich und meine Arbeit sagen

„Als Fachjournalistin im E-Commerce-Kontext ist Frau Schreiber eine kompetente und interessierte Gesprächspartnerin auf Augenhöhe. Sie arbeitet sich in komplizierte Sachverhalte wie Customer Journey Tracking oder Augmented Reality ein. Ihre Themen sind fundiert recherchiert und ihre Texte von hoher inhaltlicher Qualität und sehr gut geschrieben. Bei Interviews schätze ich Frau Schreibers sehr präzise Vor- und Nachbereitung und ihre konkreten Fragestellungen in Kombination mit ihrer unkomplizierten und kooperativen Art bei der Abstimmung von Daten und Fakten.“

Dr. Mirko Caspar, Geschäftsführer von Mister Spex, Berlin