Berliner Start-ups: Weg vom „Möchtegern“-Valley

6. November 2016 Kommentar Link zu diesem Artikel –  Erschienen in: absatzwirtschaft

Noch beschleunigt der Start-up-Motor Berlin zwar nicht wie ein Tesla. Aber das trendige, kreative, polyglotte Gründervehikel schickt sich an, Stoff zu geben – und feiert mit erfahrenen Gründern und findigen Finanziers erste Erfolge.

„Schalt mal die Textilie an!“ Lisa Lang verbindet ein Kabel; und ein fein bestickter Stoff leuchtet wie ein Sternenhimmel. Textile Himmelszelte und mit Leuchtfäden durchwebte Kleider, die im Rhythmus der Umgebungsgeräusche pulsieren, sind Langs Ding. Ebenso wie manipulierte Strickmaschinen, die Graffiti-Kunst in Pullover wirken. Oder Yogakleidung, die Energiezentren wärmt, Schweißgeruch verhindert und Handystrahlung absorbiert. Bei diesen Themen leuchten Langs Augen.

Doch wer glaubt, die Gründerin von Elektrocouture, Berlin, widme sich brotlosen Spielereien, der unterschätzt Lang. Die toughe „Bootstrapperin“ (Selbst-Finanziererin) verfolgt – O-Ton – einen „knallharten Business-Plan“ innerhalb eines schlagkräftigen Marktes. Und sie ist mit ihrer 2015 gegründeten Firma rentabel: Lang, die weltweit als eine der hundert einflussreichsten Wearable-Tech-Experten gehandelt wird, hilft Technologie- und Textilwirtschaft als Problemversteherin: erstens sich zu finden, zweitens Innovationen loszutreten, drittens neue Umsatzmöglichkeiten zu erschließen und viertens „mit Hilfe eines starken Manufaktur-Levels neue Geschäftszweige zu skalieren“, so Lang. Die Hidden Champions der deutschen Textilindustrie produzierten etwa für die Medizin hochwertige Fasern mit interessanten physikalischen Eigenschaften. Solche Potenziale gelte es in einen neuen Kontext zu bringen.

Lang betreibt ein englischsprachiges Fashion-Tech-Labor. Gerade hat sie das „aus allen Nähten platzende“ Herzstück vom Ahoy zum Tech-Campus der Factory umgezogen – beides Berliner Co-Working-Institutionen. Im „Lab“ befinden sich neben Nähmaschinen auch Lötkolben, ein Drei-D-Drucker („Toni“) und ein Laser-Cutter („Emma“). Dort arbeiten Gestalter an Kollektionen oder bilden den Designnachwuchs heran. Und dort konzipiert und organisiert Lang als Kuratorin u.a. das „Fashion Fusion Programm“ der Telekom. Dieses Innovationsprojekt ist darauf ausgelegt, Kommunikationstechnologien hautnah an die Menschen zu bringen. Auch die EU-Kommission hat schon wegen eines Labors bei Lang angeklopft.

Nicht nur für Mode-, auch für Data- und E-Commerce- Technologien gilt Berlin als deutsches Start-up-Mekka. Ob nun Gründer im Betahaus ihre Zelte aufschlagen – oder in den neuen Coworking-Spaces wie Wework aus Manhattan, Techcode aus China oder Mindspace aus Israel: Die gesamte Start-up-Metropole Berlin ist für Entrepreneure, deren gebildete, polyglotte Mitarbeiter sowie für Investoren hip, schick, schrill, kultureller Magnet und quietschlebendig: „Städte wie München oder Frankfurt mit saturierter Industrie oder Bankensystem befinden sich in einem Innovationsdilemma, während Berliner Entrepreneure viel Schwung entwickeln“, skizziert Dr. Stefan Franzke, Chef des Wirtschaftsförderers Berlin Partner.

Wagniskapital: Eile mit Weile?

Investoren begeistern sich speziell für die niedrigen Lebenshaltungs-, und damit Personalkosten an der Spree. Auch die Büromieten in Berlin fallen gegenüber London, Paris oder Stockholm vergleichsweise gering aus – noch. Warum also nicht für die gleichen Kosten sechs Start-ups protegieren – anstelle eines einzigen im Silicon Valley?

Ja, warum nicht? „Als Gründer-Ökosystem ist Berlin in den letzten Jahren förmlich explodiert“, skizziert Videesha Kunkulagunta, Principal beim Venture-Capital-Unternehmen Redstone in Berlin. Insgesamt erhielten Berliner Start-ups im vergangenen Jahr 2,1 Milliarden Euro, berechnete die Unternehmensberatung Ernst & Young (E&Y). Demnach hat sich das Wagniskapital an der Spree seit 2010 verzehnfacht, beziffert Franzke. Daneben ist die Zahl der Gründungen in Berlin auf 2.000 Firmen gestiegen, ergänzt Paul Wolter vom Bundesverband Deutsche Startups in Berlin. Kalifornische Verhältnisse sind das aber noch nicht: „Wie in allen Möchtegern-Valleys fehlt es Berlin erstens an Geld, um ein Start-up aufzubauen, und zweitens an Geld, um ein Start-up aufzukaufen“, ätzte US-Entrepreneur und Ex-Facebook-Manager Antonio García Martínez kürzlich in der Berliner Presse. Wann habe die Deutsche Telekom zuletzt ein Drei-Leute-Start-up gekauft, wie es im „Valley“ Gang und Gäbe sei?

Tatsächlich schleppt sich die Sache mit dem Berliner Wagniskapital – vor allem in den Finanzierungsphasen nach dem sogenannten Seeding. Und das, obwohl Serie A und Co. helfen, dass Prototypen das Licht der Welt erblicken, dass „Traction“ (Käufe) einsetzt und dass Firmen expandieren. Von hiesiger VC-Zurückhaltung kann auch Daniel Heer, Gründer und CEO des Data-Start-ups zeotap in Berlin, ein Lied singen – obwohl der Ideenreiche bei Seeding und A-Runde-Finanzierung aus dem Stand heraus erfolgreich war: „In Deutschland ist es schwieriger, Investoren für komplexe Geschäftsmodelle aufzutun – insbesondere wenn Sie vorhaben, ein Ökosystem zu bauen.“ Davor schreckten hiesige Geldgeber oft zurück, obwohl die Rendite bei zunehmendem Risiko steige: Uber, Ökosystem für Mobilität, und AirBnB, Plattformökonomie fürs Übernachten, hätten die ersten Jahre zwar keinen Umsatz erwirtschaftet. „Wer den Markt von Google und Co. indes ins Visier nimmt, muss auch dickere Eier haben“, grinst Heer. Er fordert, ein Ruck müsse durch den deutschen Markt gehen: „Unser Fokus sollte auf kultureller, wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Förderung virtueller Güter und dazugehöriger Geschäftsmodelle liegen.“ In den USA investierten längst sogar Rentenfonds in Wagniskapital.

Laut der Britin Kunkulagunta hat das hiesige Zögern des Kapitals auch mit der Berliner Marktreife zu tun. Berlin rangiere da, wo London vor fünf bis zehn Jahren stand, sagt sie. Im ersten Halbjahr 2016 sorgte laut E&Y etwa sinkendes Engagement im Rocket-Internet-Umfeld dafür, dass die britische Hauptstadt beim Wagniskapital Berlin vom europäischen Start-up-Siegertreppchen stieß. Aktuell fällt die Spree-Metropole hier auch hinter der „Spotify-Stadt“ Stockholm sowie hinter Paris zurück. Zudem gilt Berlin gegenüber Tel Aviv als Wagniskapital-Waisenkind. Das begründet Laura Kohler, Chefin des European Innovation Hub von etventure in Berlin, mit dem israelischen Technologietransfer über Universitäten, der Rolle der Technologie beim Militär, aber auch mit der Sicherheit durch schnelle, weltweite Patentverfahren. „Zudem kann Berlin noch nicht auf das gesammelte Wissen einer weiteren Gründergeneration zurückgreifen – wie in London oder Kalifornien“, ergänzt Kunkulagunta.

„Success breeds Success“

Laut Eric Magdanz, der für die US-Botschaft in Berlin die Wirtschaftssektion verantwortet und sich als transatlantischer VC-Brückenbauer versteht, gibt es in der deutschen Hauptstadt beim Wagniskapital „noch zu wenig Wettbewerb“. Das sei wie Kalifornien im Jahr 1996: „Wir brauchen mehr Erfolgsgeschichten, die zeigen, dass sich in Berlin nicht nur erfolgreiche Copy Cats angesiedelt haben“, fordert Magdanz mit einem Seitenhieb auf die Geschäftsmodellkopisten von Rocket Internet. Mit Hilfe von originären Erfolgen gelänge es Gründern künftig besser, an Kapital zu gelangen und später Erfahrungen mit Newcomern zu teilen. Nach dem Motto: „Success breeds Success.“

Aber vereinzelt gibt es sie tatsächlich in Berlin – erfahrene Gründer. Pan Katsukis ist ein solcher. Er ist CEO der global agierenden und gehypten App-Retargeting-Schmiede Remerge. Remerge arbeitet heute mit 700.000 Usern pro Sekunde auf einem Inventar von etwa 350.000 Apps weltweit. Acht Jahre zuvor startete Katsukis mit drei Co-Gründern zunächst die Berliner Ad-Tech-Firma madvertise, die anfänglich stark wuchs. Katsukis verkaufte zum richtigen Zeitpunkt seine Anteile und ging nach Kalifornien. Dort sammelte er, bewaffnet mit nur einem zweiseitigen Investorenpapier, Wagniskapital ein und gründete 2014 in Berlin seine heutige Firma. „Venture Capital funktioniert immer über das Team, die Story und das Vertrauen“, erklärt Katsukis. Nach einer Serie-A-Finanzierung für Remerges Expansion in die USA beschäftigt er aktuell 34 Mitarbeiter in Berlin und San Francisco. Gerade ist er dabei, einen Standort in New York aufzubauen. Allerdings will der erfahrene Gründer es bei der Fremdfinanzierung nicht übertreiben, um seine Anteile nicht zu verwässern.

Wer bisher noch kein Kapital in entsprechender Größenordnung eingeworben hat und über wenig Praxis zwischen Produktentwicklung und Traction (also Kunden) verfügt, dem empfiehlt Katsukis, sich erfahrene Mentoren zu suchen. Dr. Paul von Bünau, Managing Director des auf Künstliche Intelligenz fokussierten, 2003 gegründeten Ex-Start-ups idalab am Berliner Alexanderplatz, ist nicht nur erfahrener Gründer und Bootstrapper. Der Mathematiker und Datenwissenschaftler beschäftigt sich mit Superalgorithmen für seine meist Berlin-fern angesiedelten Industriekunden. Von Bünaus Aufgaben umfassen einerseits „Drug Detection“ – neue Erkenntnisse aus längst veröffentlichter Medizinliteratur zu extrahieren. Oder über algorithmische Content-Analyse heiße Trends in der fragmentierten Kunstszene für ein Luxus-Kundensegment der UBS-Bank aufzuspüren. Andererseits betätigt sich von Bünau als Mentor beim Förderprogramm des Axel Springer Plug & Play Accelerators. Dort und beim Coworking-Büro Betahaus berät er Gründer kostenlos rund um das Thema künstliche Intelligenz und gibt so sein Wissen an eine neue Generation weiter.

„Bevor du nimmst, musst du geben“, lautet auch Elektrocouture-Chefin Langs Credo. Daher betätigt sie sich etwa beim Gründerinnen-Netzwerk Berlin Geekettes als Mentorin. Da wundert es kaum, dass die umtriebige Gründerin, die ihr Fashion-Tech-Reich „Hands-on“ und „mit Zuckerbrot und Peitsche regiert“, locker auf Zwölf-Stunden-Tage kommt. Aber Lang läge das Wohlsein ihrer Technologen und Designer eben am Herzen. Indes erfreut sich die Über-Dreißig-Jährige selbst einer Reihe von Mentoren und Freunden, „die mir Fragen stellen und dabei zusehen, wie ich mein Empire aufbaue“. Dazu zählen Alexander Kölpin, Managing Director bei WestTech Ventures, oder Anita Tillmann, Chefin der Modemesse Premium.

Noch ist Lang ihrer Zeit mit Modetechnologien um mindestens drei Jahre voraus. Doch parallel forscht sie etwa an Handelsdienstleistungen, die Bequemlichkeit und Individualität in ihre Branche bringen. Jetzt auszusteigen und zu verkaufen läge Lang fern: „Ich will sehen, wie weit das Baby läuft“, sagt die Elektrocouture-Chefin. Und dabei meint man, Herzblut rauschen zu hören.

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