campus-Wettbewerb: Der Provokateur

20. April 2014 Kommentar Link zu diesem Artikel –  Erschienen in: Jahr der Werbung

Endlich. Im Sommer 2013 kommt Bewegung in die Endlagerdiskussion für den Atomausstieg. Die politische Situation rund um das gerade verabschiedete „ergebnisoffene“ Atomendlager-Standortauswahlgesetz könnte auch der strukturschwachen, thüringischen Kleinstadt Suhl neue Perspektiven aufzeigen.

„Heute Müll, morgen Job!“

Während in ganz Deutschland jede Gemeinde, ob mit oder ohne halbwegs intaktem Bergwerkstollen förmlich „Nicht mit uns!“ schreit, begrüßt die Bürgerinitiative „Endlager Suhl“ den radioaktiven Müll mit offenen Armen. Die hoch verschuldete und abwanderungsgefährdete 36.000-Seelen-Gemeinde Suhl mit mittelalterlicher Bergbauhistorie scheint vor allem die strahlenden Nebeneffekte der Atommüllbeherbergung positiv zu bewerten: mehr privater und kommunaler Wohlstand, verknüpft mit mehr Konsum und Investitionen, einer sinkenden Arbeitslosenquote, mehr Attraktivität sowie einem Plus an Steuereinnahmen. Was machen da schon ein paar radioaktive Fässer aus? Klingt doch logisch, oder?

So ungefähr beginnt die Geschichte von Christoph Hubrichs Bachelorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar. Der mit reichlich schwarzem Humor gesegnete Absolvent der Visuellen Kommunikation inszenierte eine Endlagerdiskussion der Extraklasse.

Hubrichs erfundene Bürgerinitiative bekannte sich im Rahmen von Plakataktionen zum glühenden Deponieanwärter und warb auf schrabbelig wirkenden Plakaten am Straßenrand um Zustimmung („Heute Müll, morgen Job!“). Darüber hinaus verortete Hubrich die Site Endlagersuhl.de im Web – mit einem Radioaktiv-Zeichen auf dem Tor im Stadtsiegel. Zudem veranstaltete der Provokateur Promotions, gestaltete Flyer und Aufkleber im Bürgerinitiativen-Look, um für Pro-Endlager-Unterschriften in einer Petition zu werben. Auch Buttons verteilte Hubrich in der Fußgängerzone, damit Befürworter der Suhler Deponie sich bekennen und verstörte Bürger sich spontan äußern konnten („Total beschissen, was ihr da gemacht habt“). Hinzu gesellten sich die scheinbar von Endlager-Suhl-Fans und Gegnern platzierten handbemalten Banner und Transparente. Darauf zeichneten sich einerseits Hoffnungen ab („Fass können wir!“). Andererseits entlud sich auf den Transparenten auch Bürgerwut („Schuldenfrei durch Strahlungsbrei?“). „Es gab nichts Begrenzendes, außer, dass die Kommunikation wirken musste“, erinnert sich Hubrich an seine selbst gestellte Aufgabe.

Kommunikative Grenzen ausloten

Anderthalb Wochen standen Suhl und Umgebung Kopf. Dann wurde die Aktion auf Drängen von aufgescheuchten Journalisten aufgelöst. Und es wurde schnell bekannt, dass es sich bei der vermeintlichen Bürgerinitiative um ein Studentenprojekt handelte. Hubrich hatte das Glück, dass die Medien überwiegend positiv über seine Studienarbeit berichteten und seine Hochschule sich hinter ihn stellte. Er erntete Schlagzeilen in der Presse („Studentenprojekt verstört Suhler Bürger“) sowie Postings in den sozialen Medien. Und Hubrich gab Interviews („Es war für mich ein Experiment“). „Ich war erstaunt, dass mein Projekt so schnell in ganz Mitteldeutschland Schlagzeilen machte. Mit diesem Echo hatte ich nicht gerechnet“, resümiert der frisch gebackene Designer.

„Das Schlimmste wäre gewesen, man hätte meine Arbeit ignoriert oder rechtliche Schritte gegen mich eingeleitet.“

Neben der ethisch-rechtlichen Dimension sah sich Hubrich mit einer designerischen Herausforderung konfrontiert: „Ich musste abwägen, wie semiprofessionell beispielsweise die Plakate auzusehen haben. Immerhin mussten die medialen Auftritte augenscheinlich aus der Feder einer Bürgerinitiative stammen.“ Zugeständnisse an seine Ausbildung machte der Absolvent in Gestalt von kürzeren Texten und besseren Claims. Diesem konsequenten Spagat verdankt er, dass ihn die Jury zu einem der drei campus-Gewinner 2014 kürte. „Die klar satirische Arbeit ist vor allem gesellschaftspolitisch interessant, weil sie begeistert und schnell zu verstehen ist“, lobt Juror und Herausgeber zum Buch „Jahr-der-Werbung“ Prof. Peter Wippermann, Chef des Hamburger Trendbüros. Immerhin mache die Arbeit bewusst, wo Atommüll – den Sankt Florian beschwörend – niemals hinkommen darf. „Und Suhl“, resümiert Hubrich, „ist überall in Deutschland“.

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