campus-Wettbewerb: Der Zyniker

18. April 2014 Kommentar Link zu diesem Artikel –  Erschienen in: Jahr der Werbung

Man sagt, sie vermehren sich wie die Karnickel. Doch kaum einer in dieser Republik weiß, was „delphinfreundlich“ oder „hypoallergen“ tatsächlich bedeutet. Kein Wunder, dass das Magazin „brand eins“ schon vor ein paar Jahren der unüberschaubaren Gütesiegelflut eine eigene Ausgabe gewidmet hat – verknüpft mit der Kernbotschaft, die Labels seien in der Regel nicht nur sinnfrei, sondern geradezu irreführend. Simon Noack hat dieser Gedanke inspiriert.

Der Kommunikationsdesigner widmete ihm sogar seine Bachelor-These an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Titel: „Siegelwahn – die Inflation der Gütesiegel“. Dazu getrieben haben Noack TÜV-Plaketten und Zertifikate, von denen keiner weiß, wer sie ausgestellt hat. Zunehmend häufig stolperte er im Alltag, etwa im Supermarkt, über die langsam lästig werdenden Plaketten. Irgendwann ging dem Designer auf, dass mit der zahlenmäßigen Siegelexplosion auch das Vertrauen in die Klebeetiketten zu kippen scheint: „Bei vielen Produkten haben wir, auch wenn darauf noch so viele Labels kleben, keine Ahnung, woher sie kommen, wie sie produziert wurden, und ob die ausgezeichneten Erdbeeren tatsächlich Erdbeeren sind“, betont der Absolvent.

Paradoxale Intervention

„Theoretisch müssten wir uns in 1.000 Existenzen aufspalten, um bei der Produktion dabei zu sein.“ Dabei sollten die kleinen Klebeetiketten einiges leisten: Konsumenten handlungsfähig machen, die Sicht verlängern und Vertrauen aufbauen. Da inzwischen aber jede denkbare Ware eine mehr oder weniger irrwitzige Auszeichnung erhält, sei es, als wäre gar nichts ausgezeichnet.

„Mit Sinnlos-Siegeln können Sie alles zertifizieren. Daher finde ich die Idee lustig, dass das Siegel sich selbst abschafft. Da helfe ich mit meiner Arbeit gern nach und treibe die Inflation voran“,

schmunzelt Noack und nennt seine Arbeit in Anlehnung an die Psychotherapie einen Akt der „paradoxen Intervention“. Noacks Ziel: auf ein ernstes Problem mit humorigen Aufklebern aufmerksam machen.

Bei seinen Recherchen hat der Absolvent Kuriositäten gesammelt: staatliche Prüfsiegel. Test-Labels, etwa der Stiftung Warentest. Siegel von Gütergemeinschaften wie Bioland. Fair-Trade-Zeichen wie One World. Aber auch auf den ersten Blick valide Kuriositäten wie „Aus eigener Herstellung“ oder „100 Prozent Portionskontrolle“. „Alle Prüfplaketten haben gemein, dass sie ein Produktversprechen abgeben, aber vielen fehlt die unabhängige Kontrolle durch Dritte“, erläutert Noack. Daher entwarf er absurde Siegel nach seinen Lieblings-Anti-Vorbildern fortan lieber selbst. Einzige Bedingung: Die Plaketten müssen auf alles passen, ohne dass man für das Ausstellen des Siegels irgendeine Kompetenz haben muss. So entstanden wohlgestaltete Siegel wie „Genau abgezählt – 1 Stück“, „Garantiert aus Atomen“ oder „Auf Existenz geprüft“. Besonders schön: „Bei Kauf garantiert Ihr Eigentum“ oder „Flasche ist wasserundurchlässig“. Je lächerlicher, desto besser.

„Wir hören erst auf, wenn alles ein Siegel hat“

Um den Siegelwahn auch öffentlich auszuleben, konnten sich Interessenten auf Siegelwahn.de ihr Label-Tütchen zum Preis von sechs Euro mit 20 Klebeetiketten per Mausklick bestellen. Sie erhielten das Package per Post und waren aufgefordert zu kleben, das Resultat zu fotografieren und die Bilder wieder an Siegelwahn.de zu schicken – für die Foto-Galerie. „Wir hören erst auf, wenn alles ein Siegel hat!“, droht Noack in seinem Internetauftritt.

Auch die Jury zeigte sich angetan von der Design-Idee und der Verbreitung über die Plattform Siegelwahn.de. Juror und Herausgeber zum Buch „Das Jahr der Werbung“, Prof. Peter Wippermann, lobt die „eindeutige Positionierung“ der Arbeit: „Die Desorientierung der Nutzer zum Thema zu erheben, war klar und verständlich konzipiert und schnell und amüsant umgesetzt.“

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