campus-Wettbewerb: Die Intellektuelle

19. April 2014 Kommentar Link zu diesem Artikel –  Erschienen in: Jahr der Werbung

Verdrängt das digitale Buch sein analoges Pendant? – Svetlana Visnakova fand diese Diskussion reichlich absurd. Daher schuf sie im vergangenen Jahr im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Folkwang Universität der Künste in Essen ein „digitales“ Buch. Es zeigt, wie sich die Buchkultur verändert – und: Es ist aus Papier.

Visnakova übersetzte ihr Manuskript mit all seinen digitalen Nutzungsmöglichkeiten in eine klassische und durchaus edel gebundene Buchform. „Ich habe versucht, eine möglichst große Wiedererkennung des Digitalen zu gewährleisten und eine ähnliche Leseerfahrung zu schaffen“, erklärt die frisch gebackene Diplom-Kommunikationsdesignerin.

Wider dem Linearen

Im Mittelpunkt steht Edgar Allan Poes verstörende Kurzgeschichte „Hinab in den Maelström“. In dieser Erzählung rettet sich ein schiffbrüchiger Matrose dank seiner Beobachtungsgabe und seines Verstandes aus einem lebensbedrohlichen Meeresstrudel. „Ich beobachte genau wie der Protagonist den Strudel – unsere gegenwärtige, digitale Medienrevolution “, skizziert Visnakova in Anlehnung an den kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan. Dieser hatte sich drei Jahrzehnte vor der Erfindung des Internets anhand dieser Kurzgeschichte mit der digitalen Medienrevolution auseinander gesetzt und den theoretischen Grundstein für Visnakovas Arbeitsthese gelegt.

Und jetzt zeigt die Diplomandin in ihrer Arbeit die Unterschiede zwischen dem klassisch-analogen und dem neuen, digitalen Buch – aus Sicht der Menschen von heute. Jede Medienart habe ihre Vor- und Nachteile. „Es wäre falsch, sich von vornherein vom Neuen zu distanzieren, ohne es richtig kennen gelernt zu haben“, sagt die Jungdesignerin. „Genauso, wie es falsch wäre, sich auf das Neue einzulassen, ohne dessen Kehrseite zu kennen.“ Das Ergebnis ist ein bestechend minimalistischer, intellektuell befüllter Foliant.

Er besteht aus zwei Teilen – einem Buch und einem Heft. Während das Heft die Kurzgeschichte des Maelström nach Poe in einer klassisch-linear zu lesenden Variante beherbergt, erzählt Visnakova dieselbe Kurzgeschichte im Buchteil anders: angereichert mit Informationen aus dem Internet und von zusätzlichen Funktionen des Digitalen überlagert. Dazu zählen Berechnungen der Textmenge und des bereits gelesenen Teils. Oder das Hinzuziehen von Wörterbüchern. Die Absolventin hat sich mit Markierungsmöglichkeiten („Lesezeichen“) ausseinandergesetzt. Mit Schriftvergrößerungen. Und wie ein Internetzugang den Leseverlauf im 21. Jahrhundert verändert:

„Wie mit einem E-Book-Reader liest man nicht mehr Seite um Seite, sondern saugt sich parallel Zusatzinformationen aus dem Internet, blättert zurück oder schlägt Wörter nach. Kurz: Man liest anders.“

Klein, fein, schlau und konsequent

Das Nichtlineare stört den Lesefluss. Zudem entsteht ein Kampf zwischen Text und den Zusatzeben. Diese versuchen, den Leser in einen Strudel zu ziehen – Visnakovas Interpretation des Maelström. Um ihre Gedankengänge besser nachvollziehbar zu machen, hat sie ihr Werk mit einem Analyseteil und einer Gebrauchsanleitung ausgestattet und entlockt so der zeitgenössischen Buchkultur neuartige Anwendungsmöglichkeiten. Weil User, Surfer und wie sie alle heißen heute Infrastruktur automatisch mit Gesten steuern oder Zoom-Bewegungen mit zwei Fingern machen, ohne darüber nachzudenken. Oder weil wir zerstreut „Apfel F“ vor uns hinzumurmeln, während wir eigentlich nur unser Bügeleisen suchen.

Prof. Anette Scholz, „Das-Jahr-der-Werbung“-Herausgeberin und campus-Jurorin, fasziniert, „mit wie viel Fingerspitzengefühl Visnakova die Mechanismen des digitalen Mediums auf das klassische Buch überträgt. Und dabei veranschaulicht sie virtuos, wie selbstverständlich wir heute digitale Medien nutzen“. Herausgekommen sei ein kleines, feines, schlaues, konsequent gemachtes Buch. „Man kann es riechen und fühlen. Es schreit nicht. Es hat eine Bindung und ist in Stoff gewandet. Und gerade die Störung des Klassischen hat mich wahnsinnig inspiriert“, schwärmt Scholz. Jeder Leser könne seine Schlüsse selbst ziehen, welcher Form des Lektüre er den Vorzug gibt oder in welcher Situation er zu welcher Darstellungsform greift.

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