„Columbus“-Jurysitzung: Von hohen Erwartungen und Demut

20. April 2016 1 Kommentar Link zu diesem Artikel

Freitag früh. Uni Wien. Jurysitzung des „Columbus“, Österreichs renommierter Dialogmarketing-Preis des DMVÖ: Wir sind rund 25 Juroren. Die meisten Preisrichter kommen aus Österreich, ein Fünftel aus Deutschland. Und: Wir verzeichnen – voller stolz – einen Frauenanteil von erklecklichen 50 Prozent. Ich bin aufgeregt. Ich fühle mich geehrt, dabei sein zu dürfen. Und ich bin gespannt, was das Preisgereicht an diesem Freitag mit uns machen wird.

Es wird ein Ergebnis geben und wir bewegen uns dorthin: Wir ringen miteinander. Sind mitunter auf Krawall gebürstet, wenn es drum geht, zu verteidigen oder zu kritisieren. Hin und wieder schwingen wir in scheinbar vollkommener Harmonie: wenn keiner die Hand hebt oder alle begeistert ein bestimmtes Edelmetall per Handzeichen beschließen. (Bildquelle: Unsplash, Glen Carrie)

Es wird ein Ergebnis geben und wir bewegen uns dorthin: Wir sind sogar mitunter auf Krawall gebürstet, wenn es drum geht, zu verteidigen oder zu kritisieren (Bildquelle: Unsplash, Glen Carrie)

 

Los geht’s: Eingrooven, die Bewertungsregeln inhalieren. Dann wühlt sich ein Mix aus erfahrenen Dialog- und Digitalkreativen sowie CRM-Experten intensivst und stundenlang durch 56 Einreichungen – Kategorie um Kategorie: Neben der Kreativität als Bewertungskriterium betrachten wir das Handwerk. Und prüfen, ob die eingereichten Kampagnen innerhalb der Shortlist (= die vorab von einer ersten Jury als preiswürdig eingestuften und gelisteten Arbeiten) anhand der gemeldeten Zahlen effektiv und effizient gearbeitet haben.

Wie reagieren auf das Haar in der Exekutionssuppe?

Gefordert beim Jurieren sind Diskussions- und Dialogkultur: Wir prüfen, vollziehen nach, diskutieren. Stellen in Frage. Wir streiten konstruktiv. Wir widerlegen oder versuchen zu widerlegen. Wir überzeugen (oder auch nicht). Wir erfassen (manchmal spät, manchmal schneller) die Kampagnenabläufe. Und wir versuchen, bis ins Detail zu verstehen. Manchmal machen es uns die Einreicher leicht. Manchmal fällt es uns schwer, alle Gedankengänge nachzuvollziehen – je nachdem, ob die Einreicherpappen zum „Ersten-Mal-Hineindenken“ didaktisch auf den Punkt kommen. Manchmal vermitteln die Kampagnenmacher schlichtweg nicht, wie beispielsweise das nebenbei erwähnte „interaktive Digitorial“ tatsächlich funktioniert. Oder wie sich die Sub-Cluster auf die angezeigten Medien verteilen. Manchmal, nicht immer, hilft der Blick auf einen zusätzlichen, detaillierteren Erläuterungsbogen.

Wie gehen wir mit unseren kollektiven Erkenntnissen, Freuden und Enttäuschungen um? Meist ergreift ein Befürworter oder Kritiker das Wort und erklärt die Vorzüge oder Schwächen einer Arbeit. Stellt Fragen. Äußert Vermutungen. Stellt Hypothesen auf. Manchmal sind wir einsichtig ob seines Plädoyers oder seiner Kritik – je nachdem, ob uns die Kampagnensprache nach dem gemeinsamen Diskurs schlüssiger erscheint. Wir reagieren manchmal kantig in unserem Urteil. Wir ringen miteinander. Wir sind mitunter auf Krawall gebürstet, wenn es drum geht, zu verteidigen oder zu kritisieren. Hin und wieder schwingen wir bei der Bewertung aber auch in scheinbar vollkommener Harmonie: wenn’s eindeutig ist, wenn keiner die Hand hebt oder alle begeistert ein bestimmtes Edelmetall per Handzeichen beschließen.

Bei einer meiner Lieblingsarbeiten ertappe ich mich selbst, „zuuu“ hohe Erwartungen an eine genial eingefädelte Arbeit zu hegen – eben weil die Kampagne so gut ist. Weil sie so stark anhebt. Und weil sie eingangs alles ausschöpft, was im Dialog nur so geht. Aus diesem Grund enttäuscht mich ein Haar in der Exekutionssuppe umso mehr (und ich entbehre dann – wie ärgerlich – aus Sympathie zur Kampagne so ziemlich aller Diplomatie): Weil die Arbeit am Ende ein Stück weit verhungert. Weil der Storytelling-Bogen im Kampagnenverlauf der Stringenz entbehrt. Weil mir aus diesem Grund das Redakteursherz blutet. Weil mir so viele Ideen durch den Kopf schießen, was die Kreativen und ihr Auftraggeber hätten tun oder anlegen können, um den Erzählbogen vielschichtiger und gehaltvoller zu spannen. Aber ist sie deshalb eine schlechte Arbeit? Nein. Im Gegenteil: außergewöhnlich gut. Immer noch.

Bleiben wir auf dem Teppich

Es gibt, wie hier auch, die Möglichkeit, Edelmetall mit Schwächen zu vergeben. Bronze anstatt Silber. Oder Silber anstatt Gold. Und ich habe mich, verdammt noch mal (das wird mir im Tagesverlauf immer klarer), in Demut zu üben und vor dieser Arbeit zu verbeugen – Schwäche hin oder her. Immerhin ist mir genau diese Kampagne von allen fast am meisten in Erinnerung geblieben. Vielleicht gerade, weil es sich hier über die unterschiedlichen Qualitäten trefflich streiten lässt, ist sie spannender und kantiger und für mein Gefühl eindeutig preiswürdiger als manch andere.

Das Jurieren, Diskutieren und Abstimmen dauert den ganzen Tag. Ich lerne eine Menge – etwa wie Agenturen bei den Einreichungen didaktisch einsetzen sollten, um ihre Kernaussagen schnell unter den Juror oder die Jurorin bringen und dabei Platitüden auszulassen. Ich fange an zu verstehen, dass sich immer ein Kritikpunkt finden lässt, wenn man danach sucht. (Was uns nicht das Suchen-Müssen ersparen darf!) Und dass es aus Gerechtigkeitsgründen schwierig sein kann, Kampagnen, die auf einem ähnlichen Level arbeiten, sich aber doch in Nuancen deutlich in der Qualität unterscheiden, signifikant gegeneinander zu gewichten. Ich lerne aber auch etwas über Optimierungsansätze rund um Juryprozesse (was ich als Jurymitglied nicht näher kommentieren darf und will).

Was ich mitnehme: Ich blicke aufmerksamer auf echte Innovationen und entwickle ein Gefühl, wann eine Kampagne doch zu stark mit dem Zaunpfahl winkt und dafür „nur“ einen Shortlist-Platz verdient (aber nicht unbedingt Bronze). Oder weil eine Arbeit Mechaniken nutzt, die wir vielleicht doch schon zu oft gesehen haben und derer wir allmählich überdrüssig sind. Oder Funktionen, die unserer Meinung nach nicht konsequent genug eingesetzt wurden. (Manchmal verbessert ein schnöder Hinweis „Bitte hier ziehen!“ oder eine sichtbare Konstruktionsfuge ein Mailing unglaublich, weil der Adressat so sofort versteht, wie er den Werbebrief betätigen soll.) Vor allem aber lerne ich Demut. Kurz: Es ist nicht so leicht, ein guter Juror und – im Kollektiv – eine gute Jury zu sein.

1 Kommentar

  • Claudia Lemlihi ·

    Liebe Kristina,

    ich glaube ich habe die Arbeit erkannt, welche Dich immer noch bewegt. Ich sagte ja, wir waren auch geschockt als sie kam – ob des Themas und der erfrischenden Stilistik.
    Neidvolle Anerkennung an die Kollegen ;-)

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