Interview mit Alibaba-Ex-VP: „E-Commerce in China ist sehr sozial“

26. Mai 2014 Kommentar Link zu diesem Artikel –  Erschienen in: Internet World Business

Es steht außer Zweifel, dass Gründer Jack Ma mit Alibaba und seinem Online-Marktplatz Taobao etwas Großes geschaffen und den Grundstein dafür gelegt hat, damit E-Commerce in China überhaupt funktioniert. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete auch der langjährige Alibaba-Vice-President Porter Erisman, der sich im Jahr 2000, kurz nach dem Launch von Alibaba, dem chinesischen Start-up anschloss und dort bis 2008 blieb. Seine Erfahrungen hat er in der Film-Dokumentation „Crocodile in the Yangtze“ zusammengefasst. Mit Internet World Business sprach Erisman über seine Sicht auf den chinesischen und auf den globalen E-Commerce.

Porter Erisman: „In China sind Unternehmer unternehmerischer als im Silicon Valley“

In den letzten Monaten liest man häufig Schlagworte wie „Der große Drache holt Luft“. Wie lässt sich in Europa der chinesische E-Commerce kräftemäßig und strategisch einordnen?

Porter Erisman: Chinesische Unternehmen auf „Copycat“ und „verlängerte Werkbank der westlichen Welt“ zu reduzieren, greift zu kurz. Alibaba, Hauptakteur des chinesischen E-Commerce und ab Herbst an der New Yorker Börse gelistet, könnte in den nächsten Jahren zum größten weltweiten Player in diesem Segment aufsteigen. Allein am Single-Tag im November, einer chinesischen Antwort auf den Valentinstag, verbuchte das Unternehmen Online-Sales in Höhe von 5,75 Milliarden US-Dollar.

Welche Marktgegebenheiten haben das Wachstum von Alibaba begünstigt?

Erisman: In China hatten die Menschen keine Kreditkarten und das Bankensystem war ineffizient. Eine funktionierende Logistik existierte nicht. Und Käufer und Verkäufer trauten sich nicht über den Weg, weil sie sich nicht kannten. Alibaba hat es geschafft, diese Kluft zu überbrücken und Antworten auf marode oder fehlende Strukturen zu geben.

Nennen Sie ein Beispiel?

Erisman: Mit dem Bezahlsystem Alipay von Alibaba können chinesische Bürger inzwischen sogar Gasrechnungen und Miete bezahlen. Im Restaurant lässt sich die Rechnung gerecht unter allen Teilnehmern aufsplitten. Und wenn Sie ein chinesisches Taxi nutzen, dann bezahlen Sie entweder mit der Währung des Wettbewerbers Tencent oder mit Alipay. Insofern ist China ein faszinierendes Experimentierlabor für zukunftsweisende Geschäftsmodelle im E-Commerce. Hier erfolgen die Entwicklungen mit revolutionärer Geschwindigkeit.

Aliabas-B-to-C-Plattform Taobao hat eBay 2005 in die Schranken gewiesen. Was macht Taobao, was machen die chinesischen Online-Händler hier besser?

Erisman: In China sind Unternehmer unternehmerischer als im Silicon Valley. Sie sind schneller und flexibler, und sie arbeiten hart. E-Commerce in China ist beispielsweise sehr sozial. Kunden wollen mit ihren Verkäufern interagieren. Darum hat Taobao vor zehn Jahren eine Chat-Funktion integriert, die beide Parteien enger zusammenbringt, damit diese vor dem Verkauf Fragen diskutieren oder Produktfotos austauschen können. Das steigert auch die Chance auf Cross- und Up-Selling.

Alibaba wird zugeschrieben, in seinem E-Commerce-Angebot alle Winkel des menschlichen Alltags abzubilden. Was ist dran am Vorhandensein dieses Ökosystems?

Erisman: Neben der gleichnamigen B-to-B-Plattform, die mittlerweile wichtig ist für Im- und Exporteure, gibt es die B-to-C-Variante Taobao und das übergreifende Zahlungssystem Alipay. Ferner ist Alibaba in Logistik, Kartendienste, Messaging und vieles mehr eingestiegen, was das Unternehmen zum schlagkräftigen Infrastrukturanbieter insbesondere für zahlreiche kleine und mittelständische Händler macht. Last but not least schafft Alibaba mit dem Online-Händler TMall und dem just akquirierten Stationärhändler Intime für Kunden ein Multichannel-Erlebnis.

Ist die Angst des Westens vor dem Drachen begründet?

Erisman: Wenn Alibaba morgen seine Pforten schlösse, hätte das auch Auswirkungen auf die Exporte der westlichen Wirtschaft – weil bei Alibaba auch iPhones und adidas-Turnschuhe über die virtuelle Ladentheke gehen. Ost und West sollten also voneinander lernen und wirtschaftlich miteinander wachsen.

Was hat Sie bei Alibaba am meisten beeindruckt, und welche China-Tipps geben Sie hiesigen Unternehmen?

Erisman: Bei Alibaba habe ich gelernt, den Einflüsterungen der Investoren zu widerstehen, und guten Produkten und Services den Vorzug zu geben. Außerdem bewundere ich die Experimentierkultur – Testen, Lernen, Überarbeiten. Das können übrigens auch deutsche Unternehmen in China machen, indem sie beispielsweise Spezialitäten wie Sauerkraut, Wurst oder Bier via Alibaba in China zu überschaubaren Kosten anbieten. Schließlich lieben die Chinesen alles, was mit „Oktoberfest“ und Co. zu tun hat.

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