Legal Tech: Ist die „Anwaltskanzlei der Zukunft“ nur ein Fall für Nerds?

3. August 2017 Kommentar Link zu diesem Artikel

Alles andere als spielerisch: Die Herausforderung an die „Law Firm oft the Future“ besteht darin, die Mensch-Maschine-Arbeit zu optimieren (Bildquelle: Gratisography)

Alles andere als spielerisch: Die Herausforderung an die „Law Firm oft the Future“ besteht darin, die Mensch-Maschine-Arbeit zu optimieren (Bildquelle: Gratisography)

Das Gros hiesiger Anwaltssozietäten scheint die „Lawfirm of the Future“ noch nicht so hoch aufzuhängen, wie das erforderlich werden könnte. Derweil rollt die Welle „Legal Tech“ – der Einsatz von Software, die Juristen bei Routineaufgaben entlasten kann – massiv heran. Sie droht nicht nur Systeme, sondern auch Menschen und Prozesse mit sich zu reißen.

Die Resonanz im Mainstream ist indes noch verhalten. Aktuell rechnet gerade einmal ein knappes Drittel der hiesigen Anwälte damit, dass der Einsatz von Leal Tech den Juristen Arbeit abnehmen wird, schätzt das Berufsrechtsbarometer 2017 des Soldan Instituts.  Demnach sind nur 13 Prozent der dafür Befragten der Meinung, dass Legal Tech ihnen die Akquise oder die Vermittlung neuer Mandate erleichtern könnte.

Wie funktioniert die „Kanzlei der Zukunft“?

Unterdessen macht die digitale Transformation auch vor Anwälten und deren Kunden nicht Halt. Exponentielle Technologien halten Einzug in Gestalt von künstlich-intelligenten Vertragsprüfungen und „Smart Contracting“ (siehe „Grundbuch im Web“, wie in Schweden).

Technologisch kommt neben Künstlicher Intelligenz (KI) die Blockchain, eine Art gesicherte Transaktion, zum Einsatz. Seit 2016 gehört die dafür erforderliche und im angloamerikanischen Rechtsraum angesagte „Legal Tech“ – zumindest bei den Online-affinen Profis hiesiger Groß- und Mittelstandskanzleien – zum begehrten Gut.

Selbst wenn die Umsätze und Gewinne der Sozietäten laut Juristen-Portal Juve in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach oben weisen, bestehen große Herausforderung für alle Kanzleien. „Die erfolgreiche ,Law Firm of the Future‘ wird sich mit passenden Produkten und Dienstleistungen noch stärker an den echten Mandantenbedürfnissen ausrichten“, erklärte Dr. Sascha Theißen, Expert Director der Stuttgarter Strategieberatung diconium, auf dem dritten Hamburger Legal Tech Meetup, das die Großkanzlei Hogan Lovells Ende Juli 2017 ausrichtete.

„Die Herausforderung an die ,Law Firm oft the Future‘ besteht darin, die Mensch-Maschinen-Arbeit zu optimieren“

Die Kanzlei der Zukunft werde die Auswahl der Mitarbeiter und Prozesse daran orientieren sowie passende IT-Systeme schaffen und nutzen. „Dabei gilt es, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine zu optimieren“, betonte Theißen.

Theißens Botschaft: Wer noch am digitalen Wandel der Juristerei zweifele, habe möglicherweise übermorgen gegen Disruption durch und Skaleneffekte bei den Wettbewerbern verloren. Unklar ist, ob dieser Fakt allen Kanzleien klar ist bzw. ob Power- und Star-Anwälte Legal Tech schon als Bedrohung im Wettbewerb und zugleich als Chancenbringer identifiziert haben.

Und ob mittelständische und Großkanzlei-Juristen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass zum Beispiel ein Natural Language Processing (NLP) aus der Künstlichen-Intelligenz-Forschung unstrukturierte Daten für das Vertragsrecht selbstlernend verarbeiten und fundierte Erkenntnisse liefern kann. Es handelt sich schlicht um einen Wettbewerbsfaktor mit riesigem Potenzial, auch wenn das Plädoyer vielleicht doch noch dem menschlichen Pendant des „Cobots“ vorbehalten bleiben wird. (Auch das wissen wir nicht sicher. )

Bereits 33 Prozent der anwaltlichen Tätigkeiten automatisierbar

Laut dem „Futuromat“ der ARD können schon heute 33 Prozent der anwaltlichen Tätigkeiten automatisiert werden, zumindest, wenn Sie „Jurist/in“ eingeben. Bei Patentanwälten rangiert die Quote bei geringeren 25 Prozent, bei Fachanwälten im Allgemeinen sogar bei 20 Prozent. Tatsächlich ersetzen Kanzleien gerade einmal fünf Prozent der Mitarbeiter durch Technologie, wie die Unternehmensberatung Accenture schätzt.

Automatisierung macht Anwälte jedenfalls produktiver und effizienter. Vertragsprüfung ex machina funktioniert zum Beispiel so: Hat ein Konzern dem Gericht aus kartellrechtlichen Gründen alle für die Verhandlungen relevanten Dokumente vorzulegen, dann übernimmt ein Predictive Coding im Mensch-Maschine-Dialog die Prüfung – welche Unterlagen für das Gericht relevant sind und welche nicht.

„Jetzt können wir aufhören, die restlichen Akten manuell zu sichten“

Dieses beurteilt Akten, die aus allen Konzernbereichen Container-weise herangekarrt und eingelesen werden müssen. Zuerst einmal wird der Computer mit einer Stichprobe von einem Prozent gefüttert. Juristen bewerten die Relevanz für die kartellrechtliche Prüfung und trainieren die KI-Systeme darauf an. Dieses Aufschlauen wiederholt sich anhand neuer Ein-Prozent-Stichproben immer wieder, bis das System für sämtliche gesammelten Unterlagen Entwarnung gibt.

Dr. Sascha Theißen: „Irgendwann bildet die KI in Kanzleien die Voraussetzung dafür, überhaupt noch mitspielen und Lösungen komplexer Probleme generieren zu dürfen“

Dr. Sascha Theißen: „Irgendwann bildet die KI die Voraussetzung, überhaupt noch mitspielen und Lösungen generieren zu dürfen“ (Bild: diconium)

In einem von Theißens Beispielen hatte das Anwalt-KI-Tandem 17 Prozent der Unterlagen durchgesehen und bewertet. Die KI konnte auf dieser Basis für alle Unterlagen (also auch für die von Menschen unbesehenen 83 Prozent) einen Haken setzen und hat sinngemäß bestätigt: „Jetzt können wir aufhören, die restlichen Akten manuell zu sichten.“ Das Gericht hat diesen maschinellen Check akzeptiert.

Die KI trainieren

Aber auch Nachträge für Verträge im Zuge einer Rechtsänderung stellen nur noch ein geringes Problem dar: „Zehntausende Verträge händisch nachzusehen, ist zu aufwändig“, erklärt Theißen. „Wenn Sie die Software auf rund 300 bis 500 Verträgen antrainieren, sparen Sie sich viel manuellen Aufwand bei der Bewertung der restlichen.“

„Irgendwann universell wie eine Bibliothek“

Die Anwendungsszenarien, die Juristen heute per KI aussteuern, beziehen sich bisher auf ganz enge Anwendungsfälle. So ist es zum Beispiel möglich, eine Prüf-Software aufzusetzen, die Mietverträge auf deren Wirksamkeit hin checkt. Anwender müssen das Vertrags-PDF lediglich per Drag-and-Drop-Mechanismus in einen Daten-Container hineinziehen und erhalten binnen Sekundenbruchteilen eine Auswertung. „Für jede konkrete Vertragsart und auf jedem Rechtsgebiet müssen wir die KI derzeit neu trainieren, bis diese irgendwann universell wie eine Bibliothek sein wird“, erklärt Theißen.

Die einschlägigen Software-Anbieter heißen Seal, eine Vertragsanalyse-Technologie, oder Leverton, die mit dem Kanzleienprimus Freshfields seit 2016 einen Kooperationsvertrag unterhalten und vor knapp einem Jahr die European Legal Tech Association ELTA mitgegründet haben. Aber auch Ravn, Evana, Kira und Premonition erfreuen sich zunehmender Beliebtheit unter Tech-affinen Juristen.

„Wenn sich KI-Systeme durchgesetzt haben und Mandanten auf deren Einsatz bestehen, stellt diese Technologie für Kanzleien keinen Wettbewerbsvorteil mehr dar“, stellt Theißen klar. Dann werde die KI zur reinen „Commodity“ und bilde die Voraussetzung dafür, „überhaupt noch mitspielen und an anderen Stellen qualitativ hochwertige, kreative Lösungen komplexer Probleme generieren zu dürfen“. Dafür würden die Mandanten dann auch gern bezahlen. Denn eine KI will antrainiert werden. Und vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt.

„Ohne die erforderliche Sorgfalt aufs Spiel zu setzen“

Doch was genau lässt sich mit diesen Datendingern anstellen? Schon heute verwaltet das Start-up Everledger Diamanten mit Hilfe von Blockchain, Smart Contracts und Machine Vision. So schließt das Londoner Technologieunternehmen Blutdiamanten aus oder hilft, dass gestohlene Kohlenstoffkristalle wiedergefunden werden können.

„Wir brauchen eine Schwarmintelligenz, die schnell reagiert“

Die Blockchain, Basis für sichere Anwendungen, stellt eine griffige Möglichkeit dafür dar, dass Künstler auf Basis von Streaming-Daten ihre Tantiemen bekommen. Gleichzeitig sind die Systeme in der Lage, jede Menge Marketing-Wissen auszuspucken: etwa wo auf der Welt Bands – je nach Fan-Struktur – Konzerte geben sollten.

Egal ob Vertragsprüfung oder -Design: „Wir müssen Prototypen bauen, um über einen iterativen Modus Chancen am Markt zu nutzen, ohne die erforderliche Sorgfalt aufs Spiel zu setzen“, fordert Theißen, der sich in seinem Berateralltag mit Design Thinking, Kanban und Scrum beschäftigt. Er rät Kanzleien auf dem Zukunftstrip, sich an Projekten auszuprobieren. „Wir brauchen eine Schwarmintelligenz, die schnell auf Veränderungen reagieren kann“, fordert er.

„Die Preise für Rechtsdienstleistungen wie Know-how und Document Drafting werden unter Druck geraten, je mehr die Maschinen gewisse Aufgaben ausüben können“

Wer ein wenig Phantasie hat, weiß, dass aus dem Fakt, dass Menschen und Systeme miteinander sprechen, ganz neue Geschäftsmodelle entstehen können. Im besten Fall entfalten sich Hebelwirkungen bei bewährtem und bekanntem Premium-Pricing.

Annegret König

Annegret König: „Die auf Rechtsgebiete Spezialisierten, die sich Legal-Tech nicht leisten können, werden es schwer haben“ (Bild: Annegret König)

Aber die Experten sehen Änderungen in der Preispolitik voraus: „Die Preise für die anderen Rechtsdienstleistungen wie Know-how und Document Drafting werden unter Druck geraten, je mehr die Maschinen gewisse Aufgaben ausüben können“, sagte Christian Laux, spezialisiert auf IT-Recht, dem Schweizer Portal inside-it.ch.

„Die großen Sozietäten, die Legal Tech einsetzen, werden mit Hilfe der Skaleneffekten versuchen, auf Masse zu gehen“

„Unterm Strich werden es die auf Rechtsgebiete spezialisierten Anwalts-Boutiquen, die sich Legal-Tech-Software nicht leisten können, schwer haben“, ergänzt die Hamburger Legal-Communications-Expertin Annegret König. Die großen und mittelständischen Sozietäten, die Legal Tech einsetzen, würden mit Hilfe der Skaleneffekten versuchen, mehr Mandate zu gewinnen, auf Masse zu gehen. Dies führe zu einem Preisverfall, der eine Marktkonsolidierung nach sich zöge.

Indes könnte die Einführung von Technologie das Nachwuchsproblem in den Sozietäten lösen. Anstatt sich für Due-Diligence-Prüfungen herdenweise über mehrere 80-Stunden-Wochen in Datenräumen zu verschanzen und tagelang bei wenig Nachtschlaf Unterlagen zu prüfen, kann eine KI helfen, die Arbeitsberge pro Anwalt auf ein erträgliches abzusenken.

Das würde den Job wieder attraktiver zu machen. Dann könnten die Kanzleien apropos Work-Life-Balance – hyperangesagt bei der Generationen X und Y – wieder die „Guten“ und nicht nur die „Geldgeilen“ als Human-Kapital an Land ziehen.

Die Zeit ist reif für Transparenz

Wie zügig wird das gehen? Laut Experten ist sich das Top-Management der Großkanzleien der Tragweite, wie Legal Tech ihr Business umkrempeln wird, noch nicht bewusst. Und das, obwohl die Law Firms längst in Systeme investieren und obwohl kluge junge ITler Jura und umgekehrt Juristen Computerwissenschaften studieren.

Ein gutes Zeichen ist es, wenn Legal Tech zwischen Technologie-Unternehmen und Anwälten auch außerhalb der kostspieligen Hackaton- und Summit-Olympe diskutiert würde – also sichtbarer und demokratischer in der Szene: wenn sich mehr Kanzleien und Tech-Unternehmen für das Innovationsfeld stark machen würden. Und wenn die oberste Führung in Kanzleien Zeichen dafür setzte, wie hoch aufgehängt und wichtig das Thema im Hause und am Markt werden wird.

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