Was ist dran am Blockchain-Hype?

1. Februar 2016 Kommentar Link zu diesem Artikel

Der Depository Trust & Clearing Corporation, kurz DTCC, und zahlreiche internationale Bankhäuser raufen sich die Haare. Worüber? Über disruptive Code-Zeilen, die Finanzimperien mindestens verändern, Transaktionen sicherer und kostengünstiger hinkriegen, aber wahrscheinlich Geldtempel ganz überflüssig zu machen drohen. Und nicht nur das.

Blockchains haben die Kraft, unser Wirtschaftssystem mit Datenbanken, Archiven und Servern zu revolutionieren (Foto: Unsplash/Aaron Burden)

Blockchains haben die Kraft, unser Wirtschaftssystem mit Datenbanken, Archiven und Servern zu revolutionieren (Foto: Unsplash/Aaron Burden)

Smart Contracts: Den Kapitalismus an Maschinen übergeben

Mit Hilfe von Blockchains könnten sich Firmen bald selbst gehören. Die globale Software eines Blockchain ermöglicht nämlich laut Vitalik Buterin, 21-jähriger Überflieger-Coder und Protagonist der Blockchain-Vision Ethereum, einen unfehlbaren Tausch von monetären Werten. Was in Zeiten der Bankenkrise 2008 mit der Kryptowährung Bitcoin und deren geheimnisumwitterten Ideengeber Satoshi Nakamoto seinen Anfang nahm, hat sich inzwischen zur Vision ausgeweitet.

Sogenannte Smart Contracts als Kernbestandteile machen’s möglich. Selbstausführende digitale Verträge übergeben den Kapitalismus quasi an Maschinen. Die smarten Verträge funktionieren ohne Rechtsabteilungen; sie werden lediglich durch den Blockchain kontrolliert. Wer beispielsweise die zweite Rate seines Automobils nicht mehr bezahlt, dem dürfte das clevere Auto der Zukunft vertragsgemäß und algorithmengesteuert den Gehorsam verweigern und die Türen verriegelt halten. Nach dem Motto: keine Rate, keine Nutzung.

Um den Smart Contract zum Leben zu erwecken, braucht es stichhaltige, korrekte Informationen aus zahlreichen Datenbanken. Das war bislang ein Problem, denn wer heute per Paypal einen Buch-Download bezahlt, der hat noch lange nicht die Gewissheit, dass das Digital Rights Management mit der Buchlizenz einverstanden ist und das Kompendium barrierefrei und lesbar auf den Reader bringt. In diese Lücke könnte künftig der Blockchain vorstoßen, indem er etwa Zusammenhänge zwischen Payment, Lizenz und Funktionieren überwacht. „Der Blockchain macht es überflüssig, einer zentralen Autorität zu vertrauen“, sagte kürzlich Stephan Tual von Ethereum, der Süddeutschen Zeitung. Weil jeder Fakt überprüfbar wird, begründete er.

Und auch Wahlen werden dank Blockchain fälschungssicher, versprechen die Auguren. Die E-Voting-Systeme hinter dem Blockchain gelten als nicht manipulierbar. Sie haben einer Mischung aus Politik, Spielthorie und Mathematik halber die Kraft, unser Wirtschaftssystem mit Datenbanken, Archiven und Servern zu revolutionieren. Man könnte einen Blockchain demnach als zeitgemäßen Tresor bezeichnen – einer der sich gemäß den Tugenden des Web skalieren lässt. Und der auch von Vertragsparteien genutzt werden kann, die sich nicht über den Weg trauen, aber für gemeinsame Geschäfte eine Absicherung benötigen. Mit dem Blockchain gelingt dies übrigens ohne Mittelsmänner – also auch ohne Banken. Denn Transaktionen werden von Konto zu Konto über die Blockchain-Instanz geschickt. Angedockte Software prüft, ob alles richtig läuft. Gleichzeitig sinken die Transaktionskosten massiv. Und anstatt von Tagen, wie in der alten Welt der Banken, landet sogar eine Auslandsüberweisung in Sekundenbruchteilen auf dem Zielkonto..

Von Bitcoin zu Ethereum

Wer etwa Bitcoin nutzt, speichert zunächst als Teil eines Kollektivs das vollständige Kontobuch aller bisher gelaufenen Bitcoin-Transaktionen seit Start der Kryptowährung. Jeder kann bei dem Finanzsystem genau sehen, wie viel Geld auf welchem Nummernkonto liegt und wie die Finanzströme fließen. Weil keine Mittelsmänner beteiligt sind, sind die Bitcoin-Überweisungsgebühren sogar bei hohen Transaktionssummen gering. Auch müssen die Geldtransferierenden nicht mehr Kartennummern, Namen und Adressen angeben, sondern nur die anonyme Empfängeradresse. Diese besteht aus Zahlen und Buchstaben. Nur wenn ein Nutzer bekannt ist, lassen sich seine Transaktionen im Netzwerk finden.

Der Blockchain ist nichts anderes als ein dezentraler bzw. neutraler Beweis von Transaktionen. Alle Veränderungen können für alle Beteiligten nachvollziehbar gespeichert werden und sind laut Experten kaum nachträglich änderbar. Somit ist jede Umbuchung festgeschrieben. Jeder Block referenziert mit einem Hash-Wert auf seinen historischen Vorgänger, sodass sichergestellt ist, dass die Reihenfolge zum sogenannten Genesis-Block, dem ursprünglich ersten Block in der Verkettung, algorithmisch nachvollziehbar bleibt. Jeder Knoten in den weiteren Berechnungen prüft die Richtigkeit eines Blocks und des gesamten Blockchain. So lässt sich das komplette System auf Stringenz checken. Erfüllt ein neuer Block die Vorgaben des Gesamtsystems („Proof of Work“), fügt er sich in die Perlenkette des Blockchain ein, und die Berechnung des nächsten Blocks startet. Bestätigten mehrere Blöcke dieselbe Transaktion, werden die anderen verworfen. Der Anreiz, der Erste zu sein, der einen Block validiert ergänzt, ergibt sich aus einer Honorierung in Kryptowährung. Gleichzeitig wird die Transaktionsdatenbank kontinuierlich weitergeschrieben. Anders als das klassische Bankensystem werden alle Daten an alle Eckpunkte im Blockchain-Netzwerk verteilt. Manipulatoren müssten zu einem enormen Rechenaufwand greifen, um die bestehende Blockkette neu zu berechnen. Und vor allem müssten Betrüger dies illusorisch schnell bewerkstelligen, um den konkurrierenden Validatoren, die an der Blockchain weiterarbeiten, zeitlich zuvorzukommen.

Während Bitcoin als Währung dazu angedacht war, das bestehende Finanzsystem zu torpedieren und neben Idealisten und Anarchos auch Kriminelle, Hacker und Spekulanten anzog, könnte die Fortentwicklung des Blockchain bald für jede Art von Wert Verwendung finden. Zu Anwendungsszenarien zählen Treuhandkonten und Auktionen für digitale Inhalte, die sogar zwischen unterschiedlichen Zahlungssystemen wechseln oder Besitztümer von Käufern zu Käufern weiterreichen. Vielleicht schaffen es Blockchains sogar, diejenige Bürokratie abzuschaffen, die Transaktionen bisher erfasst hat. Blockchain-Visionäre träumen sogar davon, ganze Behörden- oder Notarreihen zu lichten, indem Testamente und Patentrechte in automatisierte, unmanipulierbare Werte umgemünzt werden. Die Wahlplattform Followmyvote.com will zum Beispiel Wahlmanipulationen beenden, indem Wähler sicher und transparent abstimmen können. Und Onename.com bietet Registrierungsmöglichkeiten, mit deren Hilfe Nutzer ihre eigenen Daten einsehen und ändern können. Die Technologie von Onename eignet sich für soziale Profile, digitale Visitenkarten, sowie Login- und Chat-Systeme. Aber auch Diebstahl, Geldwäsche, Versicherungsbetrug, Misstrauen und Ohnmacht der Aufsichtsbehörden können mit Hilfe von Verifizierungen und Validierungen im Blockchain eingedämmt werden – etwa dadurch, dass ein Schmuckstück eine fälschungssichere Zertifizierung erhält.

Kommt die User-Praxis da schon hinterher? Laut Experten fehlt es hier noch an Marktreife und vor allem an Vertrauen in Kryptowährungen und Co. Aber immerhin hat das Netzgremium World Wide Web Consortium W3C jetzt bekundet, Ethereum in die „Globale Kommission für Zahlungssysteme“ aufnehmen zu wollen. In dieser Kommission, in der Apple, Google, die Telekom und namhafte Großbanken sitzen, ist das Thema angekommen. Die Teilnehmer mussten anerkennen, dass Bitcoin gegen erhebliche Widerstände aus Politik und Wirtschaft binnen kurzer Zeit zu einem schlagkräftigen Geldsystem avanciert ist. Und den Mitgliedern des Gremiums ist klar, dass Ethereum diesem Beispiel folgen dürfte.

Wenn Finanzhäuser und Co. den Blockchain als Instrument ignorieren oder bekämpfen, könnte sie das den Kopf kosten. Wenn sie sich einklinken in die Systematik, dann hätten sie immerhin die Chance, gigantische Summen zu sparen. Gleichwohl dürften sie sich der Gefahr bewusst sein, im selben Atemzug der inneren Auflösung zum Opfer zu fallen. Kurzum: Die Welt der Fugger und deren moderner Erben ist schon heute aus den Fugen.

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