Was unternehmerischer Journalismus bedeutet: „Wir wollen das Geschäft der Verlage untergraben“

15. September 2014 Kommentar Link zu diesem Artikel

Die kreative Zerstörung des Journalismus im Internet ist längst ein heißes Eisen in den Verlagen, wie eine Chefredakteurs-Tête-à-Tête auf dem dmexco-Podium erwies. Entsprechend diskutierten die Online-„Blatt“macher von FAZ.net, Süddeutsche.de, Handelsblatt Online und Zeit Online auf dem Podium nicht nur über Start-up-Gedanken. Sie sprachen auch über neue journalistische Erzählformen in Abgrenzung zu gut gemachten Advertorials sowie über passende Erlösmodelle. Und darüber, wer die verlegerischen Dickschiffe zerstören sollte.

Aufbruch, schnell, wendig – Assoziationen mit neuen Journalismusformen bewirken sogar die kreative Zerstörung der verlegerischen Dickschiffe, wenn die dmexco-Diskutanten mit ihrem "Start-up-minded" Konzept Recht behalten werden …

Aufbruch, schnell, wendig, Sprung ins Unbekannte – Assoziationen mit neuen Journalismusformen bewirken sogar die kreative Zerstörung der verlegerischen Dickschiffe, wenn die dmexco-Diskutanten mit ihrem „Start-up-minded“ Konzept Recht behalten werden … (Bild: Jacob Walti/Unsplash)

Sichtbarkeit gegen Kreativität

Schafft es der Journalismus, sich und seine Medien neu zu erfinden? Und das in Abgrenzung zur werblichen Serviceredaktion für Advertorials und Co.? Darüber diskutierten die Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron (FAZ.net), Stefan Plöchinger (Süddeutsche.de), Oliver Stock (Handelsblatt Online) und Jochen Wegner (Zeit Online) auf der diesjährigen dmexco mit dem Meedia-Chefredakteur Christian Meier. „Dass wir uns die Erzählformen von Newcomern anschauen müssen“ (Stock), darüber bestand Konsenz. „Allerdings tun wir uns damit schwer, etwas zu kapitalisieren, was aus dem Raster fällt“, ergänzte Plöchinger.

Das liege nicht nur am fehlenden „Spielgeld“ (Plöchinger), wie bei Inkubatoren im E-Commerce reichlich vorhanden. Und an dem noch wenig bestellten Feld des unternehmerischen Journalismus, wie ihn etwa die Jonah-Peretti-Gründung Buzzfeed lebt. Um solche Trends aufzugreifen, setzt beispielsweise Süddeutsche.de auf eine Entwicklungsredaktion. Diese befasst sich mit neuen Erzählformen und Start-up-Gedanken – eine Experimentierfläche, um neue Formate und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und um die Leser immer wieder  mit kontroversen Beiträgen herauszufordern, ergänzte Müller von Blumencron mit Zielen von FAZ.net.

Aufwand für die Alleinstellung

Aus gutem Grund wollten die Diskutanten bei allem „Mach neu!“ nicht die Markenphilosophie der jeweiligen verlegerischen Dickschiffe aus den Augen verlieren. Denn: Noch fährt das Traditionsprodukt Zeitung und Zeitschrift einerseits Gewinne ein. „Diesen Zustand wollen wir so lange wie möglich am Leben erhalten“, betonte Müller von Blumencron. Bei der Suche nach (neuen) journalistischen Geschäftsmodellen „können wir uns allerdings nicht allein auf Paid-Content-Ansätze zurückziehen“, warnte der digitale Blattmacher und warb für mehr Alleinstellung im Aufmerksamkeitswettbewerb der unterschiedlichen Online-Magazine. „Den Aufwand, Korrespondenten vor Ort mit dezidierten Analysen zu beauftragen, hätten wir apropos des just gelaufenen Apple-Launches von iPhone 6 und AppleWatch vor fünf Jahren noch nicht betrieben“, bekannte der FAZ.net-Chefredakteur.

„Wenn wir nicht zerstören …“

Was hat es also auf sich mit dem Zusammenspiel von traditionellen Dickschiffen und den wendigen Beibooten des neuen Journalismus? „Wir selbst wollen das Geschäft der Verlage untergraben“, brachte es Stock auf den Punkt. Denn: „Wenn wir es nicht machen, macht es garantiert jemand anderes.“

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