New Work: Wie sich die Urbanisierung der Arbeit auswirkt

13. Februar 2018 Link zu diesem Artikel

Was wollen die Wissensarbeiter selbst? Großraumbüro in City-Lage, Home Office ganz weit draußen, Co-Working oder Kaffeebar? (Foto von Alex Kotliarskyi auf Unsplash)

Traum von der Urbanisierung der Arbeit: Was wollen die Wissensarbeiter selbst? Großraumbüro in City-Lage, Home Office ganz weit draußen oder stylischer Co-Working-Space mit Lounge-Möbeln und Kaffeebar in akzeptabler Pendeldistanz? (Foto von Alex Kotliarskyi auf Unsplash)

20 Finalisten der ursprünglich 240 Bewerber zieht der 50 Milliarden US-Dollar schwere Online-Marktplatz Amazon für sein geplantes Vize-Hauptquartier „HQ2“ in Erwägung. Im Bieterwettstreit um 50.000 qualifizierte Jobs und Adhoc-Investitionen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar dabei sind Atlanta, Los Angeles und Chicago sowie das hauptstadtnahe Montgomery County in Maryland. Und das HQ2 ist nur ein Beispiel, dafür, wie Arbeitgeber sich auch räumlich positionieren.

Aktuell ziehen in den USA Firmenzentralen wie Facebook oder Alphabet aus den Suburbs mit Niederlassungen in die Metropole, um mehr und bessere Talente anzuziehen. Und um bei ihren Wettbewerbern um die Ecke zu wildern. So hat Google gerade in New York City für erkleckliche 2,4 Milliarden US-Dollar das prominente Büro- und Geschäftshaus Chelsea Market als Pendant zum nahe gelegenen Headquarter an der 8th Avenue gekauft.

Auch europäische Arbeit urbanisiert sich

Arbeit zu urbanisieren, betrifft nicht nur US-amerikanische Metropolen und -regionen. Sie trifft auch europäischen Großstädte ins Mark – in Deutschland allen voran Berlin und München vor Hamburg und Düsseldorf. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (DIW) ist die Ausgangslage für Bürostandorte an der Spree (2017 mit einem Rekordergebnis von 928.000 Quadratmetern vermieteter Bürofläche) und der Isar dank zahlreicher junger zugezogener Talente demografisch interessanter als an Elbe oder Rhein.

Hinzukommt, dass Berlin – zumindest als Start-up-City – im weltweiten 85-Metropolenvergleich von Nestpick auf dem vierten Platz hinter Singapur, Helsinki und San Francisco landet. Begründung: Die deutsche Hauptstadt punktet hier mit ihrem Netzwerk aus Gründern, Inkubatoren, Accelerators, Business Angels und Groß-Investoren sowie Innovations-Laboratorien und schneidet obendrein bei den Gehältern und Lebenshaltungskosten für Talente noch moderat ab.

Die Kehrseite der Medaille: In etwas mehr als einer Dekade stehen in weniger attraktiven Städten und Gemeinden Gewerbeflächen leer. Bestenfalls würde die Büronachfrage stagnieren, so das DIW.

Blick ins Silicon Valley: Maßnahmen gegen das Wohn-Prekariat

Prekär wird die Kluft zwischen Stadt und Land in Sachen Mietkosten – in Großstädten auf beiden Seiten des Atlantiks. Während Wissensarbeiter in Hamburg oder Berlin sich das Leben in aufstrebenden, ehemaligen Arbeiterstadtteilen je nach Familiengröße gerade noch leisten können, haben im kalifornischen Silicon Valley selbst Gutverdiener schon erheblichen Druck, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Alternativ müssen sie weite Strecken pendeln, um an ihrem Präsenzschreibtisch zu erscheinen. Entsprechend haben kalifornischen Tech-Firmen unterschiedliche Lösungsansätze erarbeitet, um die Probleme der räumlichen Konzentration von Arbeit zumindest zu lindern.

„It can be a real challenge to turn the Bay Area into a life-long home rather than a short stop somewhere in our twenties and thirties“

So will Facebook beispielsweise „Willow Campus“, 2,5 Meilen entfernt vom kalifornischen Hauptsitz in Menlo Park, mit in überschaubarer Zahl subventioniertem Wohnraum eine Art „The-Circle“-Idyll schaffen. Das Ziel: eigene Mitarbeiter bei den Mieten finanziell zu entlasten.

Immerhin kostet eine Zweizimmerwohnung im kalifornischen Gütersloh Menlo Park im Schnitt 3.900 US-Dollar monatlich. Das ist nicht nur teurer als in New York City. In Menlo Park gibt es außer der nahegelegenen Stanford University und Facebook fast nichts Sehenswertes, zudem liegt die Metropole San Francisco mit ihrem begehrlichen Lebensstil knapp 50 Kilometer entfernt.

Gegenüber Facebook gehen die Überlegungen anderer US-Unternehmen viel weiter: Im vergangenen Jahr ermutigte in den USA WordPress-Chef Matt Mullenweg seine Mitarbeiter, deren Arbeit vom schicken San-Francisco-Büro an ihren jeweiligen Wunschort zu verlagern.

Mullenweg reorganisierte daraufhin 550 Talente Richtung Telearbeit und institutionalisierte beispielsweise Online-Chatrooms. WordPress übernimmt außerdem die Kosten, wenn sich Mitarbeiter physisch zur Team-Arbeit verabreden wollen. Derweil hat das US-Tech-Unternehmen Buffer seine Präsenzbüros aufgegeben – zugunsten seines „Remote Teams“ mit „familienfreundlichen Arbeitsbedingungen“.

„In Schweden bist du als Manager ein Loser, wenn du es nicht schaffst, dein Kind nachmittags von der Kita abzuholen. Da gibt es grundsätzlich keine Meetings am späten Nachmittag, wenn einer im Team kleine Kinder hat“

Wade Foster legte indes noch eine Schippe drauf: Der CEO des kalifornischen Technologieunternehmens Zapier bot seinen Angestellten, die sich die kostenmäßig explodierende Metropolregion von San Francisco zum Leben kaum noch leisten können, einen Umzugskostenzuschuss in Höhe von 10.000 US-Dollar an. „It can be a real challenge to turn the Bay Area into a life-long home rather than a short stop somewhere in our twenties and thirties“, begründete Foster die Existenz seiner Initiative „De-location Package“ im Firmen-Blog.

Wie hingegen der europäische Weg beim Umgang mit der Urbanisierung der Arbeit aussieht, ist noch offen. Eine Antwort werden mit Sicherheit alternative Arbeitskonzepte liefern. Um den derzeit inflationär gebrauchten „New-Work“-Begriff mit Leben zu füllen und das Nine-to-Five-Präsenzmodell aus den 50-er-Jahren abzulösen, braucht es mehr geografische und zeitliche Freiheiten.

Wie viel Präsenzbüro braucht es noch?

Raum für familienfreundliche Zeiteinteilung in Gestalt von Job-Sharing und Überschneidungszeiten bei der physischen Präsenz liefert Vorbild Schweden: „Dort bist du als Manager ein Loser, wenn du es nicht schaffst, dein Kind nachmittags von der Kita abzuholen. Da gibt es grundsätzlich keine Meetings am späten Nachmittag, wenn einer im Team kleine Kinder hat“, zitiert das Blog notyetaguru.com einen Manager. Dafür legen viele Schweden am Abend noch eine Ausgleichsschicht ein.

„Der klassische Schreibtischarbeitsplatz – mit eigenem Bildschirm, Telefon, Yuccapalme und Aktenstapel – wird bald der Vergangenheit angehören“

New Work steht und fällt aber auch mit der Verfügbarkeit von Coworking-Flächen, Breitbandanschlüssen, Remote-Konzepten wie Apps für Videokonferenzen, Kollaborationswerkzeuge und Virtual- und Augmented-Reality-Anwendungen. Sie liefern Lösungen, um das klassische Präsenzbüro nicht länger als Nabel der Wertschöpfung betrachten zu müssen.

Dies passt zur steigenden hiesigen Begeisterung von Unternehmen und Mitarbeitern. Immerhin erwarten laut einer 2017 erhobenen Bitkom-Studie 43 Prozent der in Deutschland befragten Unternehmen, dass der Anteil der Home-Office-Nutzer in den nächsten fünf bis zehn Jahren anziehen wird.

Sozialräume werden wichtiger

Real-Estate-Missionar Martin Rodek, Deutschland-Geschäftsführer des Immobilienentwicklers OVG in Berlin ist davon überzeugt, „dass der klassische Schreibtischarbeitsplatz – mit eigenem Bildschirm, Telefon, Yuccapalme und Aktenstapel – bald der Vergangenheit angehören wird“, berichtet die Die Welt.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Instituts der deutschen Wirtschaft: Demnach nimmt der Bedarf an festen Arbeitsplätzen ab, während die Zahl der Schreibtische vor Ort unter die Zahl der Beschäftigten fällt. Dies deutet nicht nur auf ein Desk-Sharing u.a. als Gewerbemietkostensenker hin. Diese Entwicklung ist auch ein Indiz dafür, dass in Deutschland in Zukunft viele First-Level-Büro-Tätigkeiten nach Fernost outgesourct werden könnten – egal ob im Risiko-, Forderungsmanagement oder in der Personalverwaltung.

Zwischen permanenter Erreichbarkeit und Remote-Freiheiten

Für qualifiziertere Jobs, werden laut DIW indes Besprechungs- und Sozialräume wichtiger. Dies sichere den Wissensaustausch und damit die Mitarbeiterproduktivität.

Doch was wollen die Mitarbeiter selbst? Sie dürften sich im Zwiespalt befinden: einerseits dank permanenter Erreichbarkeit und Entgrenzung der Arbeit dank Home Office (siehe: Laptop in der Küche neben den Babygläschen) sowie wegen fehlender Identität und Bindung an Unternehmen und Kollegen bei mangelnder Motivation und fehlendem Team-Spirit.

Andererseits winken die Annehmlichkeiten, Zeit freier einzuteilen und zwischen den selbstverordneten Arbeitsphasen mit dem Hund Gassi zu gehen. Weil jede Minute zählt, arbeiten junge Eltern gern zu Hause, um nicht pendeln zu müssen und so möglichst viel Zeit mit der Familie zu bringen. Letztendlich dürften diese beiden Seiten der Arbeit auch unterschiedlich ins Gewicht fallen – je nachdem, in welcher Lebensphase der Wissensarbeiter steckt.

Die Stadt-Land-Kluft überbrücken

Obwohl Virtualisierungs-Methoden des Schreibtisches die Flucht aufs Land ermöglichen, liefern sie – wie ein Medikament mit Nebenwirkungen – keine Antwort auf die infrastrukturelle Verödung der ländlichen Gebiete, wo Mieten noch bezahlbar sind. Während Städter die Qual der Wahl bei Schulen mit unterschiedlichsten Profilen – von der bilingualen Klasse bis hin zum naturwissenschaftlichen, gebundenen Ganztagsgymnasium haben –, sieht die Realität auf dem Dorf anders aus.

Man denke an fehlende Ganztagskrippenplätze. Gegebenenfalls bestehen auch Mängel beim öffentlichen Nachverkehr sowie bei der Nahversorgung: Seit sich Discounter sich auf Mega-Stores an Autobahnausfahrten konzentrieren und Dörfer aus Rentabilitätserwägungen links liegen lassen, ist das Eis bei der Versorgung für wenig Mobile dünn. Insofern verspricht die Urbanisierung der Arbeit und ihr Gegentrend „Virtualisieren und Delokalisieren“ nicht Lösung einer gesamtgesellschaftlichen Umwälzung.