Studie zu den Dax30-Unternehmen: „Wer Diversität verankert, performt besser“

21. Oktober 2019 Link zu diesem Artikel –  Erschienen in: Multiasset

Die neue Studie „Diversity in DAX30-Unternehmen“ untersucht die im Deutschen Aktienindex gelisteten Top-Player unter Diversitäts- und damit Nachhaltigkeitskriterien. Die Ergebnisse erläutert Nina Roth, Director Responsible Investment bei BMO Global Asset Management in London.

multiasset.com: Frau Roth, bisher lag Ihr Fokus bei Unternehmensdialogen auf Diversität im Vorstand. Warum haben Sie den Untersuchungsgegenstand Ihrer aktuellen Studie „Diversity in DAX30-Unternehmen“ jetzt verschoben?

Nina Roth: Zwar gibt es in Deutschland Auflagen, dass 30 Prozent des Aufsichtsrats mit dem unterrepräsentierten Geschlecht besetzt sein sollen – in Deutschland sind das Frauen. Dennoch klaffen bei der Diversität, selbst auf den Hierarchieebenen unter dem Aufsichtsrat, in allen DAX30-Unternehmen noch riesengroße Lücken. Derzeit gibt es nach den Kriterien, die wir im Hinblick auf Diversität für ausschlaggebend halten, wenig richtig erfolgreiche Beispiele.

Was hätten Sie sich für den DAX30 denn gewünscht?

Roth: Wir wollten in den Vorständen, aber auch in den darunter liegenden Ebenen eins bis vier, eine gewisse Balance sehen. Denn nur so werden die Unternehmen nachhaltiger. Allerdings geht Diversität weit über die Geschlechterverteilung hinaus – bis hin zu übergeordneten Unternehmensselbstverpflichtungen, etwa bei Flexibilitätsmaßnahmen. Darunter fallen Arbeitszeiten, Sabbatjahre und Elternzeiten nicht nur für Frauen. Konzerne ermöglichen ihren Mitarbeitern, nicht nur Interessen außerhalb der Arbeitszeiten zu pflegen.

Auch die Investmentszene profitiert?

Roth: Genau. Diverse Teams finden zu besseren Entscheidungen, weil sie unterschiedliche Perspektiven einbringen. Sie bedienen breitere Märkte und größere Kundengruppen. Somit hat Diversität finanzielle Einflüsse auf das Geschäft und wirkt sich positiv auf die Unternehmensbewertung aus. Dass Diversitäts- und Finanzdaten korrelieren, ist akademisch hinterlegt. Erst kürzlich veröffentlichte Untersuchungen der kalifornischen Stanford University belegen, dass transparent kommunizierte Diversitätsergebnisse Unternehmen erfolgreicher machen. Aus Investorenperspektive ist das relevant, denn: Wer Diversität in seinen Zielen verankert, performt besser.

Worauf sollten Anleger achten?

Roth: Anleger erzielen mit Investitionen in divers aufgestellte Unternehmen mehr Rendite. Breiter aufgestellte Diversitätsansätze – zum Beispiel nicht nur Female Leader – versprechen hier sogar noch mehr Erfolg. Das Energieunternehmen Eon hat bei seinen Top-100-Führungskräften beispielsweise einen Klassenhintergrund als soziodemografisches Diversitätsmerkmal eingebracht: Dass einige der Führungskräfte etwa den ersten Akademiker ihrer Familie stellen, macht den Führungskräftemix über Alter und Geschlecht hinaus noch vielfältiger.

Welche Diversitäts-Leuchttürme haben Sie unter den DAX30-Unternehmen entdeckt?

Roth: Enorm stark sind hier DHL, Merck, Daimler und – bis auf eine Ausnahme – alle Chemieunternehmen: DHL schneidet beispielsweise bei der Datenmessung hervorragend ab. Der Postkonzern hat ein Dashboard entwickelt, das gemeinsam von Datenteams und den Diversitäts- und Inklusionsteams bespielt und quartalsweise aktualisiert wird. Darüber misst DHL, ob die gemeinsamen Ziele erreicht wurden – und ob Nachbesserungen erforderlich sind. In dieser Form und Breite haben wir einen solchen Ansatz bei noch keinem anderen Unternehmen gesehen.

Worin ist Ihr zweites Beispiel Merck so stark?

Roth: Neben der DHL ist auch Merck ein gutes Beispiel dafür, dass flexible Arbeitsarrangements den Unternehmenserfolg vorantreiben. Merck bietet zum Beispiel eine globale, bezahlte Elternzeit für männliche Mitarbeiter. Der Pharmakonzern weicht damit weit von dem tradierten Rollenklischee ab, wer sich tatsächlich um die Kinder kümmert. Damit hat Merck auch die Weichen für eine längere Verweildauer der Mitarbeiter im Unternehmen gestellt. Um ein drittes Vorbild zu nennen, hat sich Daimler hinsichtlich fairer Bezahlung im Sinne der Gender-Equality- und Diversity-Diskussion hervorgetan.

Was genau hat der Autobauer gemacht?

Roth: Daimler hat, schon bevor das Endgeldtransparenzgesetz in Deutschland in Kraft getreten ist, an einer App für seine fast 300.000 Mitarbeiter gearbeitet und mittlerweile ausgerollt. Die Mitarbeitenden können dort ihr Gehalt und ihre Erfahrungsstufe eingeben. Und sie sehen ihre Gehaltseinordnung im globalen Vergleich. Spuckt die App Unterschiede aus, können die betroffenen Mitarbeiter die Abweichung an den Manager oder die Managerin senden lassen und eine Gehaltsanpassung verlangen.

Nach dem Motto: einfach und transparent …

Roth: Absolut. Mittlerweile verzeichnet die App rund 6.000 Nutzer und Nutzerinnen. Es gab offenbar nur eine Handvoll Eskalationen. In einigen Fällen wurden Anpassungen vorgenommen. Daimler transportiert damit vorbildlich, wie ein erfolgreiches Unternehmen mit dem Gender Pay Gap umgeht.

Auch beim Geschäft ist Daimler über gemischte Teams offenbar ein Erfolg gelungen …

Roth: Als Daimler seine Horizonte, weit über die Gender-Thematik hinaus, ausgedehnt hat, entdeckte das Unternehmen auch ein riesengroßes Kundensegment mit körperlicher Behinderung. Diese Zielgruppen wollen mobil sein und benötigen größere, kostenintensivere Autos. Man muss sie mit neuen Produkten allerdings auch anders adressieren, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Darin steckt ein Riesenpotenzial.

Wie steht es denn um die Schlusslichter Ihrer Studie?

Roth: RWE und Heidelberg Zement sind die einzigen beiden DAX30-Unternehmen, die sich ein Null-Prozent-Ziel für einen divers besetzen Vorstand gesteckt haben. Das ist aus Investorenperspektive inakzeptabel. Denn ohne Diversität sind weder eine gute Performance noch Lösungen zu erwarten. Wir als Investoren werden einerseits unser Stimmrecht in der Hauptversammlung und andererseits unseren mit anderen Investoren gebündelten Einfluss geltend machen, damit Unternehmen wie RWE und Heidelberg Zement künftig bereit sein werden sich diesbezüglich zu verändern.

Was ist besser für die Diversität: Staatliche Regulierung oder Selbstregulierung?

Roth: In Großbritannien gibt es keine staatlich verordnete 30-Prozent-Vorgabe für den Aufsichtsrat wie in Deutschland. Es haben sich aber viele CEOs in Top-Unternehmen selbst zu mehr Diversität verpflichtet. Entsprechend weiter ist das Vereinigte Königreich hier gegenüber Deutschland. Ein gutes Beispiel für den noch ausbaufähigen Stand bei der Selbstverpflichtung in Deutschland ist die aktuelle Geschlechterverteilung bei den Vorständen im DAX30: Lediglich Beiersdorf hat sich auf Level eins und zwei unterhalb des Vorstands bis 2022 zu mehr Diversität verpflichtet. Solche Ziele sind für den Vorstandsnachwuchs enorm wichtig. Da wir jedoch 2019 immer noch relativ wenig Fortschritte durch Selbstverpflichtungen sehen, ist Regulation nun wohl definitiv angebracht.

Diversität dreht sich um weit mehr als um Gender-Fragen. Welche weiteren Themen werden Sie künftig mit Ihrer Studie adressieren?

Roth: Der Umgang mit unterschiedlichen Generationen in den Unternehmen führt zu einer unglaublichen Disruption. Arbeiten mehrere Generationen vom Früh-20er bis hin zum 60-plus-Mitarbeiter Hand in Hand in der Produktion und im Management, macht das auch unterschiedliche Erwartungen an Arbeit, Arbeitszeit, Kommunikation und Technologie sichtbar. Weil sich die Lebensarbeitszeit verlängern wird und lebenslanges Lernen einen immer höheren Stellenwert einnimmt, wird sich unsere Arbeit künftig auch noch viel mehr dem intergenerationellen Management widmen.

 

Über Nina Roth und BMO Global Asset Management

Nina Roth ist Director für verantwortliches Inverstieren bei BMO Global Asset Management, weltweiter Anlageverwalter mit Büros in 14 Ländern und Anlagezentren in Toronto, Chicago, London und Hongkong. In ihrer Position bringt Roth unter anderem ihr Know-how zu europäischen Schlüsselmärkten, ESG-Analysen und -Engagement in unterschiedlichen Branchen ein. BMO Global Asset Managemen hat die Prinzipien der Vereinten Nationen für verantwortliche Investitionen (UNPRI) mitunterzeichnet und ist Teil der BMO Financial Group, eines nordamerikanischen Finanzdienstleisters mit einem Gesamtvermögen von rund 830 Milliarden CDN.