Südwest-What? – Eine Region digitalisiert sich

13. Juni 2019 Link zu diesem Artikel

Mitarbeiter bei der Produktionsauswahl beim Leuchten-Champion Trilux in Arnsberg (Foto: Südwestfalen Agentur GmbH/Dominik Ketz)

Als europäische Modellregion mit einem gemeinsamen Ansatz für Wirtschaft und Gesellschaft hat sich Südwestfalen in die digitale Transformation begeben. Ein schlauer Schachzug im Hinblick auf die demografisch getriebene Landflucht, die weltweite Digitalisierung sowie die wirtschaftliche Basis Südwestfalens.

Region der Weltmarktführer im produzierenden Gewerbe

Gegenüber Südwestfalen muss sich Kalifornien warm anziehen – zumindest, wenn es um die Zahl der dort ansässigen Weltmarktführer geht. Denn: An Ruhr, Sieg, Lenne und Co. mit gerade einmal 1,43 Millionen Einwohnern tummeln sich laut Industrie- und Handelskammern 153 Weltmarktführer. Im pazifischen „Golden State“ liegt dieser Wert gerade einmal bei einem Zehntel. In der Region um Hagen, Siegen, Iserlohn, Lüdenscheid und Arnsberg sind indes neben den Primi Spax Schrauben oder dem Armaturenhersteller Dornbracht vor allem führende Gebäudetechniker, Materialumformer und Automobilzulieferer ansässig – knallharte B2B-Industrie. Dazu zählt u.a. Hella, Innovator im Segment Kurvenlicht. Außerdem dabei: der Pressverbindungstechniker Viega, ein Hidden Champion, an dem Profis bei Kupfer-Rohrleitungen nicht vorbeikommen. Und auch Mennekes, von dem nichts Geringeres als der deutsche Normentwurf für Ladesteckvorrichtungen in der E-Mobilität stammt, wirtschaftet erfolgreich in Südwestfalen. Last, but not befindet sich der Hauptsitz des Software-Unternehmens Open Xchange, das 2005 den weltweit genutzten Open-Xchange-Standard für Linux-basierte E-Mail- und Groupware-Lösungen auf den Markt gebracht hat, in der Kreisstadt Olpe.

Gleichzeitig muss die Region Südwestfalen mit typisch ländlichen Wehwehchen bzw. daraus resultierenden Entwicklungschancen umgehen: Dazu zählen rurale Klassiker wie eine eingeschränkt verfügbare Mobilität (mit der Chance auf neue Konzepte). Zudem drohen Bevölkerungs- und Fachkräfteschwund. Dem gegenüber stehen die Bewohnerbindung durch Nachwuchskräfteförderung und die Attraktivitätssteigerung etwa durch innovative Hochschulen als Chancen. Auch sind längst noch nicht alle Kommunen glasfaserverkabelt – obwohl Innovatoren an vernetzten Ortschaften mit sämtlichen Versorgungs- und Gesundheitseinrichtungen on- und offline schrauben. 

Max Thinius ist Futurologe und berät im Projekt der Regionale Südwestfalen
Max Thinius: „Südwestfalen hat in der Digitalisierung jede Menge Potenzial, international in der Digitalisierung mitzumischen – mit datenschutzgerechten Prozessen und einer Wertschätzung der deutschen Instriestandards“ (Foto: Hendrik Haase)

Regionale 2025: „Lebensraum stärken, Perspektiven geben und Menschen beim Wandel mitnehmen“

In der Tat tun sich im Rahmen des europäischen Modellprojekts „Regionale 2025“, das mit Mitteln des Landes, des Bundes und er EU gefördert wird, inzwischen zahlreiche, praktische Möglichkeiten des digitalen Zusammenarbeitens und des Voneinander-Lernens auf: Gefördert werden aktuell Projekte, die helfen, „Südwestfalen als Lebens- und Wirtschaftsraum zu stärken, Menschen dort neue Perspektiven zu geben und im digitalen Wandel mitzunehmen“, wie Max Thinius betont, Futurologe und Berater im Projekt.  

Weil sich in Südwestfalen immer mehr Start-ups ansiedeln, entstand beispielweise an der Fachhochschule in Meschede ein Zentrum für Digitalisierung. Ziel ist es, etwa Blockchain- und Künstliche-Intelligenz-Projekte im Dunstkreis der zahlreichen Weltmarktführer zu fördern. Beispielsweise wurde gerade das Projekt „Produktion.Digital.Südwestfalen“ der Wirtschaftsförderung Kreis Soest zusammen mit den südwestfälischen Partnern und dem Ennepe-Ruhr-Kreis zur Förderung vorgeschlagen.

Ab September 2019, vorbehaltlich des genehmigten Förderantrags, sollen drei neue Mitarbeiter die Digitalisierung im produzierenden Gewerbe vorantreiben und so die Industrie-4.0-Kompetenzen der Unternehmen – auch durch Vernetzung – vor Ort stärken helfen. „Damit schließen wir eine strategische Lücke des bisherigen Angebotes in Südwestfalen. Der klassische Technologietransfer wird um eine digitale Komponente ergänzt. Unsere Unternehmen brauchen in diesem Bereich konkrete Unterstützung“, erklärte Markus Helms, Prokurist bei der Wirtschaftsförderung Kreis Soest, dem regionalen Wirtschaftsportal business-on.de.

Mit Datenanalyse und -interpretation zur „Smart Factory“

Neben einer Industrie-4.0-Strategie geht es aber auch ganz praktisch um das vielzitierte Gold des 21. Jahrhunderts: Datenerfassung mit Hilfe von Sensorik und der Vernetzung von Anlagen sind genauso Themen wie Datenanalyse und -interpretation, oft und gern unter den Label „Big Data“ lagehandelt. Da die produzierende Industrie auf dem Weg zu „Smart Factories“ inzwischen zwar zahlreiche Prozessinformationen erfasst, aber längst noch nicht auswertet, hat die Fachhochschule Südwestfalen das Forschungsprojekt „Datengestützte Retrofit- und Generationenplanung im Maschinen- und Anlagenbau“ aus der Taufe gehoben: „Mit Hilfe von Daten könnten Unternehmen ihre Produkte verbessern oder auch ganz neue Geschäftsmodelle entwickeIn“, erklärte Prof. Dr. Michael Marré, Leiter des Iserlohner Labors für Massivumformung an der Fachhochschule Südwestfalen, dem Portal Business-on.de. Das Projekt unter dem leicht verballhornten, Schumpeterschen Kürzel „DizRuPt“ erhält vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für drei Jahre eine Förderung von 2,3 Millionen Euro. Das nordrheinwestfälische Ministerium für Kultur und Wissenschaft unterstützt das Projekt per Förderung eines digitalen Messsystems, eingebettet in das Forschungsprogramm „FH Basis“.

Mennekes gehört zu einem der südwestfälischen Innovatoren im Bereich E-Mobiilität
Produktion von Elektro-Steckern bei Mennekes in Kirchhundem, der die deutsche Norm für Ladesteckvorrichtungen in der E-Mobilität entwickelt hat (Foto: Südwestfalen Agentur GmbH/Michael Bahr)

Robotik in der Verwaltung: Forscher der FH Südwestfalen gewinnen E-Gov-Award

Bewegung herrscht aber auch in der Verwaltung: Mitarbeiter am GovLab Arnsberg, das sich für „Innovation in der Verwaltung“ engagiert, haben unterdessen eine App programmiert. Mit deren Hilfe lassen sich jetzt Bauanträge bearbeiten. Dem nicht genug gewannen Anfang Juni 2019 zwei Wissenschaftler der Fachhochschule Südwestfalen mit ihrem Beitrag „Mockups 4 Robotic Process Automation“ den ersten Preis beim E-Government-Wettbewerb „Science Dialog“. Das Projekt von Julian Koch und Michael Trampler zielt darauf ab, Prozesse in öffentlichen Einrichtungen mit Hilfe von Bots zu digitalisieren, zu optimieren und offenbar auch zu skalieren – ohne tatsächlich Zugriff auf die entsprechenden Applikationen und Daten in der Produktiv- und Betriebsumgebung haben zu müssen. Laut Jury ist die Transformation damit ohne immense Budgets und mit geringem Aufwand in der IT möglich.  

Medizinische Versorgung unterstützt durch „DataHealth“

Bei dem Projekt „Digitale Modellregion Gesundheit Südwestfalen“ geht es derweil um die medizinische Versorgung. Passende Innovationen will das Forschungsinstitut FoKoS vorantreiben. Im Mittelpunkt steht die qualitative Ausbildung von Ärzten und Pflegern. Beispielsweise seien Hygiene-Unterweisungen mit Hilfe von Virtual-Reality und entsprechenden Brillen für die Lerner geplant. 

Weil der demografische Wandel indes neue medizinische und pflegerische Konzepte auf dem Lande erfordert, steht im Projekt vor allem die gesicherte Patientenversorgung mit absehbar weniger Medizinern und Anwendungen im Vordergrund: „In den nächsten zehn Jahren werden 50 Prozent der Hausärzte in der Region aufhören“, sagte Dr. Dr. med. Charles Adarkwah, Gesundheitsökonom und Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin, dem Siegerlandkurier anlässlich der Vorstellung von „DataHealth“. Dieses Projekt soll die Mehrbelastung für Ärzte und Patienten senken, etwa indem Patienten ein EKG künftig selbst zu Hause durchführen oder die aktuellsten Blutwerte direkt per App in die Arztpraxis schicken. 

Rembe ist Weltmarktführer für flammenlose Explosionsdruckentlastung
Laseranlage in der Produktion von Rembe in Brilon, ein Weltmarktführer für flammenlose Explosionsdruckentlastung (Foto: Südwestfalen Agentur GmbH/Dominik Ketz)

„Mit datenschutzkonformen und DIN-gerechten Prozessen muss uns Asien nicht den Rang ablaufen“

Egal ob Infrastruktur, Industrie und Gründungen, Forschung und Bildung oder E-Health und -Government: Südwestfalen plant und bekennt sich zur Digitalisierung – auch wenn die Modellregion noch ganz am Anfang steht. Die Zeichen stehen günstig: „Südwestfalen ist das neue Silicon Valley – auf eine innovative westfälische Art. Und Asien mit seinen Innovationen kann, muss aber der Region bzw. Deutschland nicht unbedingt den Rang ablaufen“, erklärt Futurologe Thinius. Es sei in- und außerhalb Südwestfalens nicht zu spät, jetzt in vollen Zügen in die Digitalisierung zu starten – mit datenschutzgerechten Prozessen und einer Wertschätzung der deutschen Instriestandards (DIN). „Südwestfalen hat jede Menge Potenzial, um hier mitzumischen“, resümiert Thinius.